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FRANKY'S CURRY-STATION

"Franky's Curry-Station" heisst eine Imbussbude am S-Bahnhof Halensee, kurz bevor der Kurfürstendamm endet. Was "Franky's Curry-Station" von vielen anderen Imbissen unterscheidet, ist das Fehlen des strengen Geruchs nach ranzigem Fett.
Franky selbst ist eine zweigeteilte Person. Franky 1 ist hager, ungefähr 1, 85m groß, trägt Brille und kurze braune Haare. Franky 2 ist korpulent, etwa zehn Zentimeter kleiner als Franky 1, ohne Brille, mit kurzen blonden Haaren. Sowohl als Franky 1 und auch Franky 2 schätze ich Franky auf Mitte Vierzig.
Franky erscheint meist als Franky 1; zumindest seit ich seine Imbissbude kenne.
Da ich nur selten einkaufe, ich ungern in einer Schlange in einem Supermarkt stehe, mit älteren Damen, die einem von hinten ihren Wagen an die Beine schieben, da es ihnen nie schnell genug gehen kann, mich das Gedränge auf Wochenmärkten nervt, ist mein Kühlschrank oft leer. Ich werde relativ häufig zum Essen eingeladen, ansonsten findet meine Nahrungsaufnahme unterwegs statt. Seit mehreren Wochen frühstücke ich an einem Stehtisch im Freien, bei Franky, gegen Mittag. (Ich pflege lange zu schlafen, vor elf Uhr komme ich kaum aus dem Bett.) Franky - in beiden Erscheinungsformen - weiß mittlerweile, dass ich meinen Kaffee mit Milch ohne Zucker trinke, zu meinem kleinen Steak bekomme ich Kräuterbutter und Ketchup. Manchmal stellt sich ein anderer Esser zu mir an den Tisch, Worte werden wenige gewechselt, vielleicht ein "Tag", ein "Tschüß"; im Rheinland ist das anders, da gibt es Menschen, die in der Lage sind, beim Verspeisen einer Currywurst einem Fremden unaufgefordert fast ihre komplette Lebensgeschichte zu erzählen, Krankheitsanektoden inklusive.
Am Wochenende sah ich eine Gruppe bierdosiger Fans der "Berlin Capitals" bei Franky stehen; die Capitals steigen vermutlich wieder in die Erste Liga des deutschen Eishockeys auf, müssen dann erneut gegen die "Eisbären Berlin" spielen, ihr Pendant im Osten. ("Ost-Ost-Ostberlin! Wir singen scheiß Hamburg Freezers, scheiß Hamburg Freezers!", schallte es kürzlich durch die Bahnhöfe der Stadt, als die Eisbären noch erfolgreich durch die Play-Offs kurvten, bis sie schließlich im Halbfinale gegen die "Krefeld Pinguine" unterlagen und der Eisfläche verwiesen wurden, "Ost-Ost-Ostberlin!"...).
Knapp zehn Minuten verbringe ich täglich bei Franky; mit Arbeitern, Arbeitslosen, Hausfrauen, BVG-Bediensteten, Büroangestellten, Polizisten, Schülern...
Einige Gesichter sind mir inzwischen vertraut: das des halbglatzigen Busfahrers mit Senf in den Mundwinkeln, das der zierlichen Rentnerin im Witwenschwarz, deren Hände zittern, wenn sie nach dem Hähnchenschenkel auf dem Pappteller greift, das des gegelten, breitschultrigen Bankers im grauen Zweireiher, der für die Kollegen in Alufolie verpackte Hamburger holt, der sich, während er wartet, mehrmals mit beiden Händen durch die Haare fährt...
Franky arbeitet zügig, weder als Franky 1 noch als Franky 2 habe ich ihn bislang überfordert erlebt, seinen Kunden gegenüber ist er höflich, nicht kumpelhaft. Bei Gelegenheit werde ich ihn fragen, ob es ein Muster gibt, nach welchem er sich mal in Franky 1, mal in Franky 2 verwandelt; ob es womöglich auch noch Franky 3 und Franky 4 gibt, für ganz besondere Anlässe oder nach ganz bestimmten Launen.
Bevor ich gehe, nicke ich Franky zum Abschied immer zu, auch wenn er mir den Rücken zudreht; wenn sich unsere Blicke kreuzen, dann nickt er zurück.
Nach dem Frühstück bei "Franky's Curry-Station" lege ich mich wieder ins Bett.

 

 

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