The Classical   x
  Corinne Schneider
Fjodor M. Dostojewskij
“Der Idiot”
Der menschliche Kosmos

Philipp Grabinski
Zuflucht
(Joris K. Huysmans)

Isabella Löhr
Stanislaw Lem •
Der futurologische Kongreß
 

Corinne Schneider

"DER IDIOT" - Der menschliche Kosmos

Von der ersten Zeile an scheint die äußere Zeit stillzustehen und nur noch die innere Zeit des Buches läuft ab. Wir wissen, daß Dostojewskij den über 700 Seiten langen "Idiot" innerhalb von etwas mehr als einem Jahr geschrieben hat. Seine langjährige leidenschaftlich Geliebte hatte Dostojewskij in Paris verloren, wo er sie wieder einmal von der Spielsucht getrieben, so lange auf ihn warten ließ, daß sie einen anderen, neuen Geliebten fand. Dostojewskij heiratete kurz darauf zum zweiten Mal. Die Vorschüsse für sein Buch, das als Fortsetzungsroman veröffentlicht werden sollte, hat er zunächst im Spielcasino in Baden-Baden verspielt. Das Ehepaar zog weiter nach Genf, wo Dostojewskij im Herbst 1967 mit ersten Aufzeichnungen zu seinem Buch begann. Im Winter schreibt er in 6 Wochen den ersten Teil seines Vierteilers. Seine Frau brachte im Frühjahr 1868 eine Tochter zur Welt, die schon im Sommer desselben Jahres starb. Anfang 1869 ist "Der Idiot" vollendet. Alleine die äußeren Umstände unter denen dieser Roman entstand, würde die meisten völlig aus der Bahn werfen. Nicht so Dostojewskij.

Sein "Idiot", Fürst Myschkin, Epileptiker und Ende zwanzig trifft im Zug auf der Heimreise von seinem Kuraufenthalt in der Schweiz nach Moskau auf den Kaufmann Rogoschin ähnlichen Alters, der ihm seine Liebe zu der rätselhaften
Nastasja Filippowna eröffnet. Das sind die ersten zehn Seiten. Langsam nähern wir uns Nastasja Filippowna, aus den Augen Ganjas, der ihr einen Heiratsantrag macht und heute abend an ihrem Geburtstag auf ihre Antwort wartet. Oder mittels General Jepantschin, der verheiratet, Vater dreier Töchter ihr in einem Anflug von Folie ein Perlencollier geschenkt hat. Oder wir betrachten zusammen mit Myschkin ihr Foto, was diesen seinerseits zu Gefühlen bewegt. Myschkin, erzählt allen alles. Sowieso sprechen alle ständig miteinander, übereinander und untereinander. Briefe, Zeitungsartikel und anonyme Gerüchte bauen laufend neue Gefühle auf. Rogoschin gewinnt mit einer außerordentlichen Geldsumme Nastasja Filippownas Gunst. Er nimmt sie mit, sie läuft ihm weg, er gewinnt sie wieder, sie flüchtet sich zu Myschkin. Myschkin achtet sie von Herzen, aber kann sie sich nicht als Frau fühlen lassen. Unklar ist, ob er zu körperlicher Liebe unfähig ist, dies wird lediglich angedeutet.
Alle genannten Personen ziehen zur Sommerfrische aufs Land nach Pawlowsk bei Petersburg. Gerüchte geben vor, das Rogoschin Nastasja Filippowna bald heiraten werde. Myschkin wohnt zwar im gleichen Ort, aber außer einer denkwürdigen Begegnung während eines Sommerkonzertes, treffen die beiden zunächst nicht aufeinander. Inzwischen ist Myschkin, durch eine reiche Erbschaft abgesichert, fast zu einem interessanten Heiratskandidaten für die junge Aglaja Jepantschina aufgestiegen. Seine tiefe Zuneigung zur Nastasja Filippowna dauert an. Das Ende des Hin und Hers sei hier unbeschrieben.

Dialoge bestimmen den Roman. Ortsbeschreibungen beschränken sich auf wenige Sätze wie in einer Bühnenbeschreibung für ein Theaterstück.Trotzdem führt uns Dostojewskij durch unterschiedliche Wohnungen, Gesellschaftsschichten und immer wieder Gesinnungen. Es ist ein kultureller Umbruch, der zeitlich Ende des 19. Jahrhunderts in Rußland verortet ist. Es ist die Psychologie vor ihrer eigentlichen Erfindung in Wien, deren schillernder Kosmos menschlichen Verhaltens detailliert ausgelotet wird. Die Gewohnheiten mögen sich verändert haben, aber der Umbruch ist heute genauso gegeben. So wie zu Dostojeskijs Zeit seit 1861 in Rußland unzählige Menschen zum ersten Mal nicht mehr Leibeigene waren und zum ersten Mal Inhaber einer eigenen Identität wurden,
ist so etwas wie »Identität« heute unter der rein wissenschaftlichen Bedrohung von Gentechnologen und Nanotechnikern zum schützenswerten Gut geworden.
Dostojewskij kann jeden Charakter so darstellen, daß ihm seine spezifische Würde erhalten bleibt und gleichzeitig aus dem einzelnen ein Vertreter eines allgemeinen Archetypen wird. Mal beobachtet er durch eine Person ein außen, andere Male ist er die Person von innen, die ihr Inneres betrachtet. In Myschkin, dem »Idiot« laufen all diese Fäden zusammen. Ein wahrer Wahrnehmungskollaps. Myschkin sieht sich (fühlt sich), betrachtet sich von außen und fühlt oder erahnt seine Wirkungen. Wer so fein wahrnimmt, für den verlangsamen sich alle äußeren Geschehnisse zur eigenen inneren Zeit, die er braucht um all diese gleichwertig nebeneinander gestellten Wahrnehmungen zu verarbeiten. Von der Zeit, die er braucht eine Entscheidung für sein Handeln zu treffen, gar nicht zu reden.
Dostojewkij denkt selbst über seinen menschlichen Kosmos nach: "Trotz alledem aber bleibt die Frage offen: was soll der Romanschriftsteller mit den Alltagsmenschen anfangen, den ganz »durchschnittlichen«, wie soll er sie darstellen und für den Leser einigermaßen interessant machen? Sie in der Erzählung ganz zu übergehen, ist unmöglich, denn die alltäglichen Menschen sind alle Augenblicke und in der Mehrzahl der Fälle ein notwendiges Bindeglied bei der Verknüpfung der Ereignisse; übergehen wir sie, so verstoßen wir gegen die Wahrscheinlichkeit. Den Roman mit lauter Typen oder auch, um des Interesses willen, bloß mit sonderbaren und ungewöhnlichen Menschen anzufüllen, wäre unwahrscheinlich und am Ende nicht einmal interessant. Wir meinen, daß der Schriftsteller sich bemühen soll, interessante und belehrende Nuancen auch bei den Alltagsgeschöpfen zu entdecken. Wenn aber zum Beispiel das eigentliche Wesen gewisser Alltagsmenschen gerade in ihrer immerwährenden und unabänderlichen Alltäglichkeit besteht oder, was noch besser ist, wenn trotz allen außerordentlichen Anstrengungen dieser Leute, um alles in der Welt aus dem Geleise der Gewöhnlichkeit und Routine herauszukommen, sie zu guter Letzt doch immer in der ewig gleichen, unveränderlichen Routine stecken bleiben, dann gewinnen solche Leute sogar etwas in ihrer Art Typisches – als Mittelmäßigkeit, die durchaus nicht das bleiben will, was sie ist, sondern um alles in der Welt originell und selbständig werden möchte, ohne die geringsten Mittel zur Selbständigkeit zu besitzen." Und wenig später über die Beschreibung seiner Charaktere: "Wir dürfen nicht vergessen, daß die Ursachen der menschlichen Handlungen gewöhnlich unendlich komplizierter und verschiedenartiger sind, als wir sie uns später erklären, und daß man sie selten scharf umreißen kann."
Dort wo Dostojewskij seine Beobachtungen scharf einstellt, verlangsamt sich die Romanzeit – vielleicht stoppt sie sogar und dauert bis heute an.

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