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Alexander Kunz (neu)
Kolumne: Ich sah ds Elend flimmern ...:
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Alexander Kunz
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Serie:
Die Schreckliche Wahrheit über Comics

Teil 3 -
Klaus Schikowski
Faszinationen in Frankfurt.
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Der Sommer der Liebe oder Eine Reise zum Comic-Salon Erlangen

 

Alexander Kunz

ICH SAH DAS ELEND FLIMMERN...

... (hin und wieder aber auch Gutes). Teil 3: Gero von Boehm begegnet Gore Vidal, 3Sat, 07.05.2007


Manchmal ist es doch hilfreich, dass es im Fernsehen nur um Bilder geht und nie um Worte. Informationsströme durch das Signifikat, das reine So-Sein. Dann aber Worte: Der Herrensignifikant am 7. Mai 2007 hieß Gore Vidal. Und so schloß sich auch über die Worte, aber vor allem über die reine Präsenz der Kreis dreier erhabener Persönlichkeiten: Gore Vidal - Jeffrey Lee Pierce - Marlon Brando. Das war das erste was mir auffiel, noch bevor auch nur ein Wort von Gore Vidal gesagt wurde. Wie war das noch? Jeffrey Lee Pierce wird von der Tochter Marlon Brando´s gefragt, ob seine Band Gun Club nicht auf einer Geburtstagsfeier von ihr spielen wolle. Warum? Nun, Jeffrey Lee Pierce sähe aus wie Ihr Vater, Marlon Brando. Das war der Grund, mehr nicht. Stimmt auch, vor allem der aufgedunsene JLP erinnert schwer an Brando in der Rolle des Colonel Kurtz aus Copolla´s "Apocalypse Now". Gore Vidal im Interview mit Gero von Boehm erinnert nun auch an Brando, jedoch ist er nicht nur an Leibesfülle vergleichbar mit dem späten Marlon Brando, nein, er hat auch die Kälte und den Zynismus des Colonel Kurtz eingeschrieben in die versteinerte Kälte seines Gesichts. Jeffrey Lee Pierce wiederum dankt auf einer späten Gun Club-Platte unter anderem Gore Vidal. Rein literarisch gesehen ist die Danksagung nicht überraschend. Gun Club-Texte sind schließlich das Größte, was amerikanische Literatur im 20. Jahrhundert zu bieten hatte (als Einstieg empfehle ich "Devil in the Woods" oder "Jack on Fire", beides leicht im Netz zu finden). Einzig die Tatsache, dass eine Danksagung in der Regel auch eine Bekanntschaft voraussetzt, erstaunte mich leicht, denn ich hatte zuvor Pierce doch eher im strikten Untergrund verortet und somit Verbindungen zur Literatur eher bei Burroughs gefunden. Egal, denn wenngleich Projekte von Pierce und Burroughs mir bekannt sind und eine Freundschaft zwischen Pierce und Vidal nicht, so passen Vidal und Pierce und schließlich auch Marlon Brando als Colonel Kurtz viel besser zusammen. Denn alle drei sind Americana, lebendes, schwitzendes, verzweifeltes Americana. Mal gehetzt wie JLP in "Devil in the Woods", mal jenseits von Gut und Böse über den Dingen thronend wie Gore Vidal in der hier besprochenen Sendung oder wie Colonel Kurtz, auch dieser erhaben, das Amerikanische verkörpernd und zugleich transzendierend, archetypisch, pures Amerika in all seiner Schizophrenie, seiner Dunkelheit, Paranoia und seiner imperialen Größe. Die hier drei genannten Größen scheinen alle daran gescheitert zu sein, man sieht es in den traurigen, leeren Augen. Da Amerika eine Religion ist, die Americana heißt, kann man an sie glauben oder nicht. Gerade als Europäer kriegt man Amerika nur als Americana, wenn man nicht die Möglichkeit hat, dort selbst zu sein. Was man heute gar nicht braucht und was dumm und linksfaschistisch ist, das ist Anti-Amerikanismus. Ausnahmen, die sich Anti-Amerikanismus erlauben können, repräsentieren diejenigen, die den Glauben an Amerika als größtes demokratisches Modell nicht verloren haben. Dies ist dann auch der Unterschied zwischen einem Michael Moore und einem Gore Vidal, soviel wurde auch in dieser Sendung wieder deutlich. Der Inhalt bestimmt denn auch die Form: Ein Michael Moore polemisiert aus der Position des Benachteiligten, es hat etwas permanent Gehässiges und Hetzerisches, etwas Nervöses, weil ständig mit dem Bewusstsein verbunden, dass man unten rangiert und letztlich keine Beachtung findet (außer der, für drei Monate an den Bestseller-Listen zu stehen, um dann , nach einem Jahr zurecht vollkommen vergessen zu sein). Hinzu kommen die demagogischen Anteile eines Michael Moore, die bewusst verzerrenden Bilder und Parolen, die immer dann eingesetzt werden, wenn man merkt, dass Emotionen gut ankommen und die Vernunft aussetzt. Gore Vidal hat all dies nicht nötig. Er ist ein schlauer Kopf und er trägt somit die Bush-Kritik heftig aber konzis und an den richtigen Stellen ansetzend (Lobbyismus) vor. Kein Haß, sondern Verachtung. Dies zeichnet den über-den-Dingen-Stehenden aus. Zum Beispiel Gore Vidal. Michael Moore ist es nicht. Schön auch, dass das Gespräch zwischen Boehm und Vidal in Vidal´s Wahlheimat Rom stattfand. Die Geburtsstätte der modernen Zivilisation. Man muß nun Rom nicht zwangsläufig mit Dekadenz und Untergang verbinden. Es ist einfach der passende Ort für den USA-Kritiker und bekennenden Amerikaner Gore Vidal. Auch das Ambiente stimmte bei diesem Interview, ich erinnere mich an viel teures dunkelbraunes Leder und Holz. Gero von Boehm war der kongeniale Fragensteller. Zurückhaltend, vornehm, keine überflüssigen Fragen, alles zugeschnitten auf einen unnahbaren Gore Vidal. Die beste Kapitalismus-Kritik ist immer noch die aristokratische, das wurde in dieser Sendung noch mal deutlich.


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