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Billy Childish:
DIE IDIOTIE DER IDEEN

Was ist falsch daran, daß ich blöd bin. Wir auf der Walderslade Secondary School for Boys bilden uns was auf unsere Blödheit ein! Und so oder so, wenn wir Walderslade Kids nicht blöd wären, dann müßte es irgendein anderer Trottel sein, und wenn man drüber nachdenkt, würde das doch an der Sache nicht das kleinste Bißchen ändern, oder? Nein, am besten bleibt alles im Leben genau so wie es ist, so wie Gott selbst es beabsichtigt hat, so daß wir Walderslade Kids von oben und unten eins drauf kriegen. Kurz gesagt - wir müssen den Kopf hinhalten für die Unzulänglichkeiten aller unserer Eltern und hundmiserablen Lehrer.
Unsere Lehrer grinsen durch die Stümpfe ihrer gelblichen Zähne hindurch auf uns runter, und sie können kaum ihre Verachtung für uns verbergen. Sie schreiten die leeren Gänge hoch und runter, knirschen mit den Backenzähnen, sorgen dafür, daß sich keiner von uns Jungs vor dem Läuten der Morgenglocke heimlich hier reinschleicht, um eine verstohlene Kippe zu rauchen, oder sich den dürren Arsch auf einem von ihren schrottreifen alten Heizkörpern zu wärmen. Offensichtlich ist frische Luft genau das, was wir brauchen - und warum müssen wir dann in die Schule gehen? Sie knirschen wirklich so laut mit den Zähnen, daß es klingt, als würden sie ihre eigenen Zähne fressen!
Mister Shawd geht runter auf Hände und Knie und guckt unter die Tische auf der Suche nach versteckten Kindern. Wenn er aufsteht und sich gerade macht, knallt seine stählerne Kniescheibe wie ein Pistolenschuß wieder an die richtige Stelle. Es hallt durch den leeren Klassensaal, und er marschiert zurück, raus in den Flur. Du denkst, er ist weg, aber dann steckt er verstohlen den Kopf wieder durch die Tür und schnüffelt in der Luft wie eine gräßliche Ratte, schleicht auf Zehenspitzen wieder zum Vorratsschrank, schlägt die Tür zurück und erwischt Wallace, der da drin eine raucht.
Wir in der Klassenstufe B betrachten uns selbst als die Sargnägel unserer Lehrer.
Obwohl es absolut wichtig ist, daß wir für immer blöd, mittelmäßig und unerheblich bleiben, haben wir Gerüchte über einige Schüler in dieser Schule gehört (bemerkenswerterweise in der Stufe A), die clever sind und denen offensichtlich erlaubt werden wird, ihre Prüfungen und etwas aus ihrem Leben zu machen. Aber wir treffen sie nicht oder reden nicht mit ihnen, sie sind so etwas wie ein Mythos, von dem niemand sicher sein kann, daß er wirklich existiert.
Unter der Woche wohnt mein Vater in London, oder sonst wo, und er ist ein edwardianisches Spukgespenst. Er hat eine andere Frau, mit der er zusammenlebt, die Anne heißt und von der meine Mutter geheimnisvollerweise als »seiner Mätresse« spricht.
Obwohl mein Vater angeblich das familiäre Heim verlassen hat, kommt er immer noch an manchen Wochenenden nach Hause, um uns herumzukommandieren. Er sagt mir, daß ich nicht mit den Kinder drüben aus dem Sozialwohnungsblocks spielen soll, weil das ein Haufen verdammter Hooligans ist! Umgekehrt nennen ihn die Kinder aus den Sozialwohnungen den »kriechenden Jesus«, weil er im Sommer immer geheimnisvoll mit Bart und Sandalen durch den Garten schwebt. Meistens taucht er überhaupt nicht auf, was, wie ich glaube, alles in allem das Beste ist.
Selbst wenn mein Vater in London ist, hält er uns auf Trab, indem er meine Mutter mitten in der Nacht brutal anruft und mit einem seiner überraschungsbesuche droht. Auf diese Weise werden wir ständig daran erinnert, niemals aus der Rolle zu fallen und daß wir schließlich immer noch in seinem Eigentum wohnen!
Wegen seiner beißenden Bemerkungen und seiner unauslöschlichen Gegenwart hält meine Mutter das Haus makellos sauber und versucht mir beizubringen, Oxford-Englisch zu sprechen. Wenn mein Vater nach Hause kommt werde ich wegen meiner grammatikalischen Unzulänglichkeiten gedrillt, bekomme gesagt, daß ich gerade stehen, ordentlich aussehen, nicht wie ein verdammter Wilder rumlaufen und gottverdammt anständig reden soll!
»Du hast wieder mit diesen verdammten Halbstarken rumgehangen, oder?«
Ich sehe ihn an. »Meinst du die scheiß Hooligans?« korrigiere ich ihn und muß mein freches Lächeln verbergen. Offenbar erkennt er schon an meinem Akzent, mit wem ich gespielt habe.
»Wo um Himmels willen lernst du nur so eine plumpe Sprache!?«
»Das ist Chathamesisch«, erkläre ich.
»Chathamesisch? So eine verdammte Sprache gibt es gar nicht!«
Obwohl ich von Natur aus gehorsam bin, muß ich mich umdrehen und weggehen. Mein Vater ruft mich zurück und sagt mir, daß ich meine Schultern hängen lasse, daß meine Zähne ekelerregend sind, daß ich einen Haarschnitt brauche, daß ich mir die Ohren putzen soll, daß ich verflucht dumm bin, meine Füße zu groß sind und daß ich meine Schuhe austrete und sie abnutze, weil ich arrogant bin! Außerdem soll ich meine Füße richtig heben!
Wirklich, jetzt zu versuchen, mir Manieren beizubringen, Respekt und wie man anständig redet, ist ein bißchen spät. So oder so, unsere Eltern und Lehrer haben keine Manieren, und wir, die ganzen Kinder in der Walderslade Schule, reden bereits wie ein Haufen Hafenarbeiter. Was ganz praktisch ist, weil genau da unsere Zukunft liegt, im Hafen oder beim Arbeitsamt. Ich jedenfalls werde von ganzem Herzen nach dem Arbeitsamt streben!
Ich betrachte mich als geringer als alle anderen, trotzdem irgendwie überlegen. Die Leute sagen mir, daß es mein Gesicht ist, das schuld daran ist, daß mir jemand mal den Schädel einschlagen wird, weil es ungeduldig und sarkastisch ist. Es sieht so aus, als hätte ich im Leben versagt.
In meinem Nachttisch habe ich einige von den geklauten Pornoheften meines Vaters. Morgens liege ich meistens gerne in meiner warmen Grube und spiele an mir rum bis zur allerletzten Sekunde. Meine Mutter bringt mir sogar eine Tasse Tee ans Bett, aber ich weigere mich immer noch aufzustehen, sondern verstecke mich statt dessen unter den Laken und lasse ihren dämlichen Tee kalt werden. Dann bläst Mister Shawd in seine Pfeife und ich bin glücklich, weil ich weiß, daß ich wieder einmal zu spät komme.
Schließlich kommt meine Mutter herein und schreit mich an, daß ich mich anziehen soll. Schnell krabbele ich unter der Decke hervor, steige in meine ungeputzten Schuhe und bin fertig für die Schule.
Von allen Leuten, die mich am meisten hassen, sind es die Mädchen, die am gemeinsten sind. Das liegt daran, daß ich häßlich und sündig bin und daß mich der Teufel berührt hat. In Wahrheit jage ich ihnen mit meinem hohlen Grinsen Angst ein.
Wenn ich groß bin, werde ich wahrscheinlich ein Sex-Besessener werden. Ich habe mich schon als Frau verkleidet, und ich hatte Sex mit meinen Hund, der ein Streuner ist und den meine Mutter widerwillig aufgenommen hat. Ab jetzt werde ich einfach eine Plage bleiben.
Als ich neun Jahre alt war, tat mir ein Freund der Familie, Norman, als wir im Urlaub in Seasalter waren, etwas Unaussprechliches an. Meine Mutter, die mit der Tochter des Mannes im Zimmer nebenan lag und schlief, half mir nicht, und mein Vater war damit beschäftigt seine Geliebte zu treffen.
Es ist wahr, daß ich bei meinen jämmerlichen Versuchen, gemocht zu werden, beinahe jeden anlächeln würde, das liegt wahrscheinlich daran, daß ich verdorbene Ware bin.
Wie ich schon sagte, die Mädchen sind an unserer Schule die bei weitem gewalttätigsten Elemente, und es ist uns verboten, mit ihnen zu tun zu haben. Was mag der Grund für diese strikte Trennung sein? Sie haben ihre eigenen Lehrer und sogar ihre eigenen abgetrennten Schulgebäude, und das einzige Mal, daß wir ihre blanken Beine zu sehen bekommen, ist, wenn sie in die Schule rein und wieder raus gehen. Ich schaue auf ihre kalten, Corned-Beef-artig aussehenden Schenkel und ihre weißen Schulsocken, schmutzbefleckt und will, daß mich diese Mädchen-Frauen begehren, aber stattdessen lachen sie mir wegen meiner Zahnstümpfe und meiner abgerissenen Erscheinung ins Gesicht. Beim Nachhausegehen halte ich den Kopf gebeugt und renne wie der Teufel für den Fall, daß sie mich entdecken und sich über mich lustig machen. Sie haben schon mal zwei Jungs zu Boden gedrückt und ihre nackten Schwänze der kalten Luft und der spottenden Menge ausgesetzt.
Die Klassenzimmer der Mädchenschule sind von uns aus gesehen auf der anderen Seite des Feldes hinter einem sehr hohen Zaun. Das Betreten des Rasens ist streng verboten. Wenn die Mädchen zum Spielen rauskommen, ihre feuchten, weißen Finger an den rostigen Draht legen und mich über das nasse Gras hinweg verspotten, tue ich so, als könnte ich sie nicht hören und starre statt dessen fest auf einen Lutscherstiel, der im aufgesprungenen Asphalt vergraben liegt. Ich erkenne eines der Mädchen, ihr Name ist Michele Hudson, und sie hat große, frauenartige Brüste. Viele Jungs aus der fünften Klasse haben sie offensichtlich angefaßt und sogar dran gelutscht.
Einmal, am Anfang, als ich in diese Schule kam, habe ich dumm vor einer Bande von Schlägern damit angegeben, daß ich in der Grundschule mit Michele Hudson in derselben Klasse war. Dort hatten wir gemischte Klassen, und wir durften mit den Mädchen spielen wie wir wollten, sogar Turnunterricht hatten wir zusammen und durften über das Gras rennen im warmen Frühling und Küsse-Fangen spielen. Und jetzt hat das alles aufgehört, weil wir auf das Erwachsenenleben vorbereitet werden!
Als Michele Hudson sich zum Turnunterricht neben mir aufgestellt hat, sah ich runter und sah die Anfänge ihrer wundervollen Mädchenbrüste. Sie war elf Jahre alt, und ihre Nippel drückten unanständig gegen ihr weißes Schulunterhemd. Dann bin ich rot und heiß geworden und hab auf den Boden gestarrt.
Von da an warf ich jede Woche sehnsüchtige Seitenblicke auf sie in ihrem frühen Entwicklungstadium, fragte mich, ob sie wirklich seit letzter Woche gewachsen waren und ob es darin Milch für mich geben würde. Dann sah ich hoch und merkte, daß ich umgeben war von den schrillen, groben Stimmen meiner Spielkameraden.
Einmal habe ich Michele sogar während eines Spiels Küsse-Fangen geküßt. Ich habe sie um die Taille herum gefangen, aber sie zog sich gewaltsam weg, ihr Gesicht verzeichnete Ekel. Am nächsten Tag habe ich im Wald Glockenblumen für sie gepflückt und sie ihr morgens in der Pause gegeben, und Michele Hudson hat sie auf den Boden fallen lassen und ist weggegangen.
Wirklich, angeben ist eine Sünde, und ich hätte diesen Kerlen niemals erzählen sollen, daß ich auf dem Weg zur Schule Glockenblumen gepflückt und sie Michele Hudson geschenkt habe und daß sich Michele Hudson, mehr oder weniger zufällig, einmal von mir beim Küsse-Fangen spielen hat küssen lassen.
Nachdem ich auf diese wagemutige und arrogante Weise angegeben habe, wurde ich bald darauf gedemütigt und öffentlich geohrfeigt, so ist das passiert. Nach dem Unterricht sehe ich Michele Hudson am Schultor stehen und warten. Sie raucht eine Zigarette und kaut Kaugummi, hat die Arme über ihren großen Brüsten verschränkt. Sie ist nicht mehr das schöne, süße Mädchen mit dem ich in die Grundschule ging und ihr früher verschmitztes Gesicht hat einen verkniffenen und sauren Ausdruck bekommen. Eine Bande von lachenden Gesichtern, ebenfalls an Zigaretten ziehend, umgeben sie. Sie grinsen sie gehässig an, und ich will rüber marschieren, sie hauen und Michele die Zigarette aus ihren schönen, vollen Lippen nehmen.
Ich sehe runter, ängstlich, daß sie mich wiedererkennen könnten. Ich beschließe, die Abkürzung über das Gras zu nehmen (was verboten ist) und über den Schulzaun zu klettern. Ich springe hoch und beginne mich rüberzuziehen. Es scheint wirklich als wäre ich frei und wäre entkommen, aber gerade als ich die Spitze des Zauns erreiche und rüber springen will, kommen zwei ältere Jungs angerannt und packen mich an den Beinen und ziehen mit wieder runter. Ich klammere mich mit den Fingerspitzen oben an den Draht, aber sie ziehen mit ihrem ganzen Gewicht bis ich loslassen muß. Einer von ihnen, ein Junge namens Russel, versucht, mir meinen Schuh auszuziehen und ihn wegzuwerfen.
»Michele sagt, daß sie niemals mit dir gehen würde, weil du zu häßlich bist!« zischt er. »Sie sagt, daß sie nie auf dich gestanden hat, weil du ein verfluchter Hippie bist, du warst immer ein verfluchter Hippie und du wirst immer ein verfluchter Hippie bleiben!«
Ich starre auf das abgewetzte Gras, das von Generationen ungezogener Schuljungen niedergetrampelt wurde. Mein Gesicht errötet und Tränen drängen sich hinter meinen Augen.
»Aber ich hab nie gesagt, daß ich mit ihr gehen wollte«, flüstere ich, »das hab ich nie gesagt! Ich hab nur gesagt, daß ich sie gekannt habe, das ist alles.«
Ich werde am Boden festgehalten, gegen meinen Willen, während ein anderer Junge losgeht und Michele Hudson holt. Ich gucke hoch und sehe wie sie am Tor miteinander reden. Michele Hudson sieht zu mir rüber und wirft ihre Zigarette hin und geht langsam rüber, ihre großen Nippel bewegen sich unter ihrer Schulbluse. Als sie näher kommt, bläst sie eine große rosa Blase, die sie platzen läßt und wieder in den Mund einsaugt.
Ich wende mich flehend an meine Gefängniswärter. Diese Arschlöcher aus Stufe A! Sie sind einfach nur ein Haufen lügender und stinkender Ratten! Als Michele Hudson über mir steht, richten sich die Gesichter aller Jungen bewundernd auf sie, und ich kann plötzlich meine Arme losreißen und rennen. Zuerst kann ich nicht glauben, daß ich ihnen wirklich entkommen bin. Ein Schrei erklingt, und sie rennen mir hinterher, aber ich kann sehen, daß ich ans Schultor komme, bevor sie mir den Weg abschneiden. Russel und die anderen älteren Jungen versuchen, über den Zaun zu klettern, aber ich kann schneller rennen als sie alle. Ich rase zum Tor hinaus und flitze die Straße hoch, mein Atem wird zu einem heißen Keuchen.
Und so renne und verstecke ich mich immer vor diesen Mädchen-Frauen, für den Fall, daß sie mich auf den Boden drücken und meine Nacktheit entblößen und meinen kleinen weißen, unterentwickelten Pimmel entblößen wollen. Für den Fall, daß sie sehen sollten, daß ich derjenige bin, den Michele Hudson niemals küssen würde, und daß ich in der Tat niemals ein Mann sein werde.
Jeden Tag wird mindestens ein Dutzend von uns Jungs zur Bestrafung ausgewählt. Kein Akt der Gemeinheit kann uns noch überraschen, wir wurden bereits in jeder möglichen Weise gedemütigt, und wir glauben tatsächlich, daß wir es verdient haben, geschlagen zu werden. Jeder von uns, der zur Bestrafung ausgesucht wird, ob wegen unseres ungezogenen Wesens oder vielleicht bloß aus einer Laune unserer glorreichen Lehrer heraus, weigert sich, vor Schmerz zu schreien, und ist sogar ein bißchen stolz, wenn unsere heldenhaften Namen in das Bestrafungsbuch eingetragen werden.
Alle unsere Lehrer, mit Ausnahme von Miss Heart, der angehenden Musiklehrerin, haben einen besonderen »kleinen Freund«, entweder einen bösartigen Bambusstab oder vielleicht einen besonders alten und biegsamen Hausschuh, der gut erreichbar vor ihnen auf dem Schreibtisch aufbewahrt wird oder manchmal, wenn sie ein bißchen schüchterner sind, liegt er oder sie (denn alle ihre Waffen haben Geschlechter) in der Schublade oder vielleicht im Vorratsschrank, der oft auch die Funktion einer Bestrafungskammer erfüllt.
Mister Shawd braucht solche jämmerlichen Mittel wie Ruten oder Hausschuhe nicht, weil er ein Mann des Militärs ist und eine militärische Kniescheibe aus britischem Stahl hat! Was seine Hauptwaffe gegen uns Kinder ist.
Wenn Shawd neben einem steht (und in Wirklichkeit ist er nichts anderes als ein glatzköpfiger Zwerg) mit seiner krötenartigen Zunge und einem bedrohlich in die Schuljungenohren flüstert, dann weiß man mit Gewißheit, daß er einem zeigen wird, wo man auf seinen kindlichen Wegen irrt. Ja, wenn Shawd auf diese Weise mit einem Liebe macht, dann bedeutet das, daß er sehr bald, in der nicht zu fernen Zukunft, seine stählerne Kneischeibe in einen Schuljungenschenkel rammen wird und einen seiner berühmten »toten Tritte« abliefern wird. Woraufhin der glückliche Empfänger jaulend vor den Füßen seines Herrn und Meisters hinfallen wird.
»Tue ich dir weh, Junge?« flüstert er.
»Nein, Sir!« antworte ich äußerst wahrheitsgemäß und ehrlich.
»Aber ich müßte dir eigentlich weh tun, Junge, ich stehe nämlich auf deinen Haaren!«
Das ist einer von Shawds kleinen Scherzen und wirklich, auf gewisse Weise, glaube ich, daß ich lachen sollte, aber ich bin nicht sicher, was mir den meisten Schmerz verursachen wird: mit ihm zu lächeln oder steif in Habachtstellung, wie man es bei seinem Militär macht, und wie er es uns allen beigebracht hat, zu stehen.
»Glaubt ihr, daß ich dem Jungen weh tue?« Shawd wendet sich an Dog-Jaw. Dog-Jaw, der haushoch hinter Shawd steht, ist sein ständiger Schatten. Er lächelt aus seinem gutmütigen Gesicht zu mir runter und schüttelt seine Hängebacken.»Ich weiß es nicht genau, aber ich glaube, der Junge braucht einen Haarschnitt!« Dog-Jaw hat zwei rosafarbene Plastikhörgeräte, die an seinem riesigen birnenförmigen Kopf befestigt sind, und er spricht wie ein bellender Hund.
Shawd lächelt voller Vorfreude und leckt sich über die dünnen Lippen.
Die Sache ist, daß ich lange schöne blonde Haare habe und das feine Gesicht eines Engels und Shawd haßt meine Schönheit, und ich sehe ihm in die harten kleinen Augen und lächele hoffnungsvoll, suche nach Wärme und Mitgefühl, die dort liegen könnten und erspare mir so den Schmerz seiner stählernen Kniescheibe, die mir in den Muskel meines linken Schenkels schlägt. Aber da ist nichts. Ich beiße mir auf die Zunge und falle hin.
»Hab ich dir gesagt, daß du auf dem Boden rumliegen darfst, Loveday! Was glaubst du, was das hier ist, ein Ferienlager?« Er dreht sich zu Dog-Jaw um und macht einen weiteren seiner tollen Scherze. Dog-Jaw lächelt unmerklich, also dreht sich Shawd statt dessen zur Klasse um. Die Klasse schielt vor Lachen, alle brechen sich einen ab, um ihre Anerkennung zu zeigen. Und sogar ich muß lachen, während ich da am Boden liege, meine Füße den Asphalt treten, mein Gesicht verzerrt ist vom schrecklichen stechenden Pochen, das brennend mein gelähmtes Bein hoch und runter läuft.
»Sag ›Danke schön‹, Loveday!«
Shawd beugt sein kleines Gesicht über meins, und ich liege im Dreck und verziehe das Gesicht.
»Sie sind ein Arschloch, Sir!« sage ich. Ich flüstere es durch zusammengebissene Zähne, meine Augen schmerzen wegen der Kälte. Aber er hat mich nicht richtig verstanden, ich sage das ungezogene Wort heimlich.
»Sprich lauter Loveday, damit dich jeder hören kann.« Und er leckt sich wieder über die dünnen Lippen. »Sag ‚›Vielen vielen Dank, mein lieber Lehrer, Sir!‹ sag ›Danke schön‹, Loveday!«
Ich versuche aufzustehen, aber er schubst mich mit Leichtigkeit wieder zurück auf den kalten Boden, noch bevor ich mein Gleichgewicht finden kann.
»Du solltest dich entscheiden, ob du liegen bleiben oder aufstehen willst, Loveday!« schreit er triumphierend, was alle zum Lachen bringt. Und sie stehen alle rum, blasen ihre dummen Backen auf, und sind dankbar dafür, weil sie in Wahrheit Shawd und seine Brutalität lieben. Dann wendet er sich plötzlich gegen sie.
»Ihr haltet Loveday also für einen Komiker?« Shawd sucht den kleinen Kreis jugendlicher Gesichter ab. »Also, tut ihr das? Ist Loveday ein endloser Quell des Vergnügens für euch? Möchte vielleicht jemand herkommen und mit ihm den Platz tauschen?« Ich grinse sie von meinem Ruheplatz an Shawds Füßen aus an.
Es wird still in der kleinen Gruppe, und sie blicken zurückhaltend auf ihre abgetretenen Schuhe. Ich klettere vom Asphalt hoch und humpele rüber zu meinen Klassenkamerden. Ich drehe mich um und sehe ihn an, wirklich ziemlich klein, sogar im Vergleich zu einem Schuljungen. Und Dog-Jaw steht hinter ihm, wie ein großer dummer Schatten. Es ist beruhigend und ermutigend für uns, von unserem Lehrer an unsere Stellung im Leben erinnert zu werden und zu wissen, daß wir von der Zukunft nichts zu erwarten haben außer einer ordentlichen Abreibung.
Nein, wir Schüler an der Walderslade Schule für Jungen sind bekannt für unsere Blödheit und sie wird uns mit gesenkter und ehrfürchtiger Stimme weitergereicht, wir lernen sie von der Tafel auswendig und dürfen nur in diese Schule gehen unter der Bedingung, daß wir versprechen, absolut feierlich, blöd zu bleiben und es niemals in dieser Welt zu etwas zu bringen, so wahr uns Gott helfe!

Aus dem Englischen von Conny Lösch.
Aus seinem dritten Roman »The Idiocy of Ideas«.

Billy Childish hat mehr als 30 Gedichtbände veröffentlicht, über 80 Langspielplatten aufgenommen und mehr als 1500 Gemälde gemalt. Er lebt und arbeitet in Chatham, Kent. Der vorliegende Text ist ein bislang unveröffentlichter Auszug ex erschienen. über Zweitausend eins ist »Junger Mann ohne Kleider«, die deutsche Version von »Notebooks of a Naked Youth« in überarbeiteter Fassung und mit 19 unveröffentlichten Holzschnitten zu beziehen. Mehr unter: www.billychildish.com .

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