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Kevin Healy
Eine durchaus kompakte
Einführung in die irische Literatur


 

Kevin Healy:
EINE DURCHAUS KOMPAKTE EINFüHRUNG
IN DIE IRISCHE LITERATUR

Irische Autoren mußten immer ins Ausland gehen, um anerkannt zu werden. Ausland in diesem Fall heißt: Großbritannien. Da der irische Markt so klein ist (bei 5. Mio. Einwohnern), muß ein Schriftsteller, der vom Schreiben leben will, einen britischen Verlag finden. Es gibt kleinere Verlage in Irland, aber sie produzieren hauptsächlich für den irischen Markt. Ein Autor wie Roddy Doyle mußte "The Commitments" selbst veröffentlichen, bevor er in England anerkannt wurde. Das Ergebnis: obwohl die Themen irisch bleiben, müssen die Autoren ein größeres Publikum ansprechen. Natürlich ist es nicht mehr so extrem wie im 19.Jahrhundert, als Leute wie G.B.Shaw oder Oscar Wilde nach England auswandern mußten. Trotzdem hängt die Geschichte Irlands eng mit der des größten Handelspartners Großbritannien auch heute noch zusammen. Irische Schriftsteller wie Roddy Doyle, Colm Toibin, Patrick McCabe oder Sebastian Barry sind alle von britischen Verlagen herausgegeben. Vor zehn Jahren waren moderne irische Autoren in Deutschland relativ unbekannt. Seit 1996, als Irland Themenschwerpunkt der Frankfurter Buchmesse war, ist das nicht mehr der Fall. Irische Literatur wird auch ins Deutsche übersetzt, Autoren halten Lesungen,usw.
Ein irisches Volkslied lautet "wir haben vierzig grüne Farben", und so ist es auch mit der Politik und der Lebenssituation. Ob man nun über einen Polizisten Ihrer Majestät, wie Sebastian Barry in "Die Zeitläufte des Eneas McNulty" oder über einen Freiheitskämpfer, wie Roddy Doyle in "Henry, der Held" schreibt, die Perspektive ist zwar jeweils anders, das Thema bleibt jedoch jeweils dasselbe. James Joyce, der 1904 Irland Aufnimmerwiedersehen verlassen hat, schrieb nur über Irland. Samuel Beckett, der in Frankreich gelebt hat, beschreibt irische Landschaften und irische Figuren in seinen Büchern.
Irischer Humor ist weltbekannt und wird auf die Spitze getrieben in Büchern von Flann OŽBrien, z.B. in dem Roman "In-Schwimmen-Zwei-Vögel" oder in "Der dritte Polizist". Flann OŽBrien wurde sehr überzeugend von Harry Rowohlt ins Deutsche übersetzt. Man kann nicht über irischen Humor schreiben, ohne Samuel Beckett zu erwähnen. Seine Romane "Murphy" oder "Watt", die er geschrieben hat, bevor er berühmt wurde, sind mit trockenem irischen Humor gespickt. Der in Deutschland so beliebte Roman "Eureka Street" von Robert McLiam Wilson, beschreibt Nordirland so, wie es heute ist, politisch und gesellschaftlich und das auf eine geistreiche und witzige Art. Dieser Roman, mit seinen Anspielungen auf die nordirischen Konfliktparteien, wäre noch 1980 nicht denkbar gewesen. Einige Kritiker lobten auch Frank McCourts "Die Asche meiner Mutter" unter anderem für seinen Humor, ich fand es eher ermüdend. Daß FMcC in seiner Kindheit viel gelitten hat, möchte ich nicht bezweifeln, aber ich muß mir diese klischeehafte "stage-irish" nicht antun. Es gibt auch nüchterne Autoren wie John Banville. Seine vor ungefähr 20 Jahren erschienene Trilogie "The Newton Letter" oder seine in den Neunzigern erschienene Trilogie "Geister" sind lesenswert. Sein letztes Buch "Der Unberührbare" war eine Enttäuschung und ich hoffe, es gibt bald wieder etwas besseres von ihm. Colm Tobin behandelt aktuelle Themen wie AIDS in seinen zwei Romanen "The Story of the Night" und "The Blackwater Lightship": Sein Buch "The South" spielt in Spanien während der Franco-Zeit, auch eine empfehlenswerte Lektüre. Einen ungewöhnlichen Stil hat Patrick McCabe. Seine Figuren sind meistens psychotisch, wie in "Der Schlächterbursche" oder "The Dead School". Sein 1998 erschienenes Buch "Breakfast on Pluto" fand ich nicht sehr gut, ein bißchen zu trashy.
Die auf deutsch erschienen irischen Bücher sind nur die Spitze eines Eisbergs. Bücher, die in Irland veröffentlicht werden, müssen erst den Durchbruch auf dem britischen Markt schaffen, bevor sie international eine Chance haben.

Kevin Healy

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