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Olaf Karnik

Tony Parsons: Als wir unsterblich waren. Roman. 432 Seiten, gebundene Ausgabe. Blumenbar, München 2006. Preis: € 19,90.
Tony Parsons: Erzähl mir nichts von Wundern. Roman. 392 Seiten, gebundene Ausgabe. Piper Verlag, München 2006. Preis: € 19,90.

Text: Olaf Karnik

Kürzlich war Tony Parsons bei der Lit.Cologne zu Gast im Kölner Stadtgarten. Als Anlass für eine weitere, mittlerweile total überstrapazierte "die goldenen Zeiten von Punk"-Nabelschau diente natürlich sein aktuelles Buch zum Thema "Als wir unsterblich waren". Kein Wunder also, dass bei der Lesung und Diskussion völlig außer Acht gelassen wurde, dass Parsons 2006 noch ein weiteres Werk auf den deutschen Buchmarkt gebracht hat: "Erzähl mir nichts von Wundern". Es spielt im Hier und Jetzt, ist mindestens genauso gut ist wie seine Punk-Rückschau und dreht sich um Frauen und Männer, die keine Hochwasserhosen mehr tragen, sondern Kinderwagen vor sich herschieben wollen oder müssen.

Zitat:
Der Lärm, dieser unglaubliche Soundpegel - war das erste, was Terry wahrnahm. Er dröhnte aus dem Basement des Western World, brach sich die Bahn durch die offene Tür, an der ein Glatzkopf in Schwarz Wache schob, schien die Nachtluft zum Beben zu bringen und ließ in der Menschenschlange, die durchnässt und verdreckt auf Einlass wartete, die Amalgamfüllungen vibrieren. Irgendwer war live auf der Bühne. Und mit einem Mal spürte Terry, wie sein Herz schlug. Er nahm Misty an der Hand und war wie eingelullt von einem Hauch von Geschichte. Früher war das Western World eine illegale Kneipe. Dann ein Striplokal, danach eine Schwulenbar. Und jetzt gehört es ihnen. Jetzt waren sie dran.
Jeder, der hier anstand, hatte das standesgemäße Styling. Terry fand in all diesen Insignien der Rebellion etwas Behagliches - die Fuck-you-to-Hell-and-back-Absätze und zerrissenen schwarzen Strumpfhosen der Mädchen, die hodenmalmenden, hautengen Hosen und klobigen Stiefel der Jungs; die Lederjacken und kurzen Stachelfrisuren, die sie alle trugen, das Haar mit Talkpuder ausgetrocknet und mit Vaseline in der Vertikalen gehalten, als ob durch die Adern jedes Einzelnen gerade eben ein Stromstoß gejagt worden sei. Seine Leute.

London, 1977 - das Jahr, in dem Punk durchbricht und die britische Hauptstadt der Nabel der Welt ist. Mit ihren akustischen Stromstößen erklimmen The Sex Pistols, The Clash oder The Jam sogar die Charts, und jede Nacht spielt irgendwo eine tolle Band. Punk ist zugleich Rebellion und Mode, gelebter Nihilismus und ein Fluchtweg aus der mainstreamisierten Hippykultur der späten 70er Jahre. Wer um die 20 Jahre alt ist und von der kulturrevolutionären Welle erfasst wird, will nichts anderes als sofort Musiker, Fotograf, Bandmanager, Modedesigner werden. Oder eben Musikjournalist, wie Terry, Ray und Leon, die drei jugendlichen Helden in Tony Parsons Punkroman "Als wir unsterblich waren". Wie Skip Jones, ihr strahlendes Vorbild beim Musikmagazin The Paper, wollen sie nichts anderes schreiben "als die strahlendsten Sätze über Musik, die jemals zu lesen waren" - und zwar um jeden Preis.
So lässt Parsons, der in diesem Roman ganz offensichtlich seine Anfänge als Musikjournalist für den legendären New Musical Express verarbeitet, seine Protagonisten in nur 24 Stunden so viele absurde, aufregende und traurige Geschichten erleben, dass es fast für ein ganzes Leben reichen würde. Terry liebt das Glamour Girl Misty, doch die verschwindet mit dem abgehalferten Underground-Star Dag Wood in der Nacht; der junge Späthippy Ray erhält seine letzte Chance bei The Paper, wenn es ihm gelingt, John Lennon zu interviewen, der irgendwo in der Stadt weilt; der Punk-Fanzine-Macher Leon begegnet auf der Flucht vor nationalistischen Schlägern, die ihn durch die halbe Stadt jagen, ausgerechnet auf der Tanzfläche einer Discothek dem schönsten Mädchen der Welt. Vorangetrieben vom Hauch der Geschichte und aufgeputscht durch Speed-Pillen jagen sie im Tempo einer Flipperkugel durch die Nacht der Nächte - es ist der 16. August 1977, als das Radio den Tod von Elvis verkündet. Aber nicht nur der King of Rock'n'Roll verabschiedet sich, auch eine neue Ära kündigt sich an, die solchen Subkulturen wie Punk bald den Hahn zudrehen wird - so lässt Parsons immer wieder die Stimme von Englands eiserner Lady Maggie Thatcher aus dem Rundfunk erklingen.
Die Irrungen und Wirrungen seiner jugendlichen Helden löst Parsons in zahlreiche parallele Handlungsstränge auf, mit Übergängen zwischen den einzelnen Episoden, die so hart sind wie Punkrock-Akkorde. Auch der elliptische Erzählstil dieses Patchwork-Romans passt bestens zur Lakonik der Musik, die hier für eine kurze Zeitspanne nochmal die wichtigste Sache der Welt ist. Keineswegs verzichtet Parsons dabei auf genaue Milieuschilderungen, auf die präzise Darstellung fordistischer Arbeitsverhältnisse und alter politischer Frontverläufe von Links und Rechts oder eine Charakterisierung der autoritären Kleinfamilie - denn all das bildete schließlich den gesellschaftlichen Hintergrund der Punk-Ära. So gelingt Parsons, der heute in Großbritannien neben Nick Hornby zu den populärsten Gegenwartsliteraten zählt, hier nicht nur mitreißende Unterhaltungsliteratur, sondern auch das Portrait einer Ära. Eine Ära genau zwischen Moderne und Postmoderne, als der Phänotyp des Berufsjugendlichen noch nicht vorhanden und ewige Jugend noch keine gesellschaftlichen Optionen waren - und man deshalb noch erwachsen werden musste. Jugend 1977 in London mag zwar aufregender gewesen sein als heute, aber an der Schwelle zum Erwachsenwerden winkten nur etablierte Formen von Bürgerlichkeit und Familienleben. Deswegen ist "Als wir unsterblich waren" auch eine éducation sentimentale im doppelten Sinne des Wortes.

Zitat
Er versuchte sich zu erinnern, was Skip zu ihm gesagt hatte. Er wusste, es war etwas darüber, dass alle Kunstformen ihre Zeit haben. So wie Jazz seine Zeit hatte. So wie die Malerei ihre Zeit hatte. Skip hatte gesagt, dass es wahrscheinlich nie wieder einen zweiten Miles Davis geben würde und nie wieder einen zweiten Picasso. Skip hatte gesagt, dass die Musik nie wieder ganz so gut sein würde, wie die Musik, die sie geliebt hatten; und so blieben sie mit einer weiteren sterbenden Kunstform zurück, die bald reif fürs Museum sein würde.
Aber wenn ihre Musik starb, würden sie nicht mit ihr sterben? Sie war das Herz ihrer Welt gewesen, solange Terry denken konnte. Ihre Musik war mehr als ein Soundtrack: Es war eine Maschine, die sie am Leben erhielt, von der der Kindheit durch die Pubertät hinein in etwas, das vielleicht als Reife durchgehen konnte. Vielleicht würden sie alle neue Dinge finden müssen, für die es sich zu leben lohnte, und die Musik würde etwas sein, zu dem sie nur noch ab und zu zurückkehrten - wie die Erinnerung an jemanden, den man verloren hatte.
Als er darauf wartete, dass der Zug aus dem Bahnhof fuhr, fühlte Terry sich glücklich, dass er eine Frau hatte, die er liebte, dass ein Baby unterwegs war und dass er seine eigene kleine Familie hatte. Nach der Hochzeit würde alles einfacher werden, oder?

Eine Frage, die wie ein Hinweis auf das zentrale Thema von Tony Parsons anderem aktuellen Roman wirkt. Geht es in "Als wir unsterblich waren" um die Schwierigkeiten des Erwachsenwerdens, so berichtet nämlich "Erzähl mir nichts von Wundern" von den Schwierigkeiten des Erwachsenseins - der Ehe, der Kleinfamilie und der Liebe, vor allem aber des Kinderkriegens. Struktur und Konstruktionsprinzip sind dieselben wie in seinem Punkroman, aber "Erzähl mir nichts von Wundern" spielt im heutigen London, und im Mittelpunkt stehen nun drei nicht mehr ganz so junge Frauen zwischen 30 und 40 - die Schwestern Cat, Jessie und Megan. "Deine Eltern versauen dir die erste Hälfte des Lebens, und deine Kinder die zweite", lautet das zynische Motto ihrer Rabenmutter, an dem sich alle drei abarbeiten müssen. Also: Kinder ja oder nein? Jessie und ihr liebevoller Mann Paulo wollen unbedingt, nur die Natur spielt nicht mit. Sex nach der Eieruhr, künstliche Befruchtung, nichts führt zum Erfolg, da bleibt nur noch eine Adoption übrig. Megan dagegen, die als angehende Ärztin nichts weniger als ein Kind braucht, wird nach einem One Night Stand schwanger und sieht einem Schicksal als alleinerziehende Mutter entgegen. Und Cat, die älteste, die ihre individuelle Freiheit nie durch eine Mutterschaft gefährden wollte, überfällt angesichts des Dauerthemas ihrer Schwestern bald eine nie geahnte Torschlusspanik. Ihren knapp 50-jährigen Freund Rory, der bereits aus erster Ehe einen Sohn hat, überredet sie schließlich sogar zum Rückgängigmachen seiner Sterilisation, um ein Kind von ihm zu empfangen.

Zitat
Rory sah das Problem folgendermaßen: Früher bekamen Frauen mit dem ersten Mann ihres Lebens ein Kind. Heutzutage bekamen sie eher eines mit dem letzten. Mit dem ersten Mann im Leben ein Kind zu bekommen, konnte allerlei Probleme mit sich bringen, das verstand sich, vor allem das Problem, etwas zu verpassen. Eine Berufsausbildung. Eine Karriere. Freizeitsex. Viel Freizeitsex, mit einem großen, bunten Sortiment an Männern. Und all die kostbaren Momente, in denen man spürte, wie jung und wie frei man war, und dass die Welt einem gehörte. (...) Deshalb verstand Rory sofort, dass die modernen Frauen ein Kind vom ersten Mann ihres Lebens so nötig brauchten wie einen Kropf. Aber hatte sich das Rad zu weit in die andere Richtung gedreht? Was brachte es für Probleme, wenn man mit dem letzten Mann seines Lebens ein Kind bekam? (...) Späte Mütter wurden sie genannt, jene Frauen, die einen Haken um ihre Sandkastenfreunde geschlagen hatten, um ungewollte Schwangerschaften, um ihre Uni-Liebe und ein Sammelsorium an Männern aus Urlaub, Büro, Clubs und Bars; die Frauen, die 15 Jahre unbeschwert von Mutterschaft verbracht hatten und nun noch ein schmales Zeitfenster für Kinder offen hatten, vergängliche 10 Jährchen Fruchtbarkeit. Doch nun kam das Problem: Die meisten guten, vielleicht sogar die besten Männer, waren vergeben. Wahrscheinlich wurden daher die letzten Männer aus ähnlich zweifelhaften Gründen gewählt wie die ersten. Rory machte sich Sorgen um die späten Mütter. Er machte sich Sorgen, dass sie nicht annähernd so schlau waren, wie sie dachten. Im Grunde erinnerten ihn die späten Mütter an Schnäppchenjäger am Weihnachtstag: Die Auswahl war eben schon recht dürftig.

Mit Komik und Tragik gewürzt, schildert Tony Parsons auf äußerst einfühlsame Weise die Tücken der Familienplanung und das komplexe Gefühlsleben urbaner Frauen und ihrer Ehemänner, Liebhaber, Mütter und Väter. Im Gegensatz zu "Als wir unsterblich waren" spielt Popmusik zwar nur noch eine Nebenrolle, sie begleitet aber nach wie vor einschneidende Erlebnisse oder markiert wichtige Stationen des Lebens. Ganze Familiengeschichten werden en passant aufgeblättert, lebensphilosophische Erkenntnisse eingeflochten, kluge Beobachtungen über den Stellenwert von Sex in Zeiten des schnellen Konsums angestellt. Dass Tony Parsons bei den Dingen des Lebens gründlich recherchiert hat, merkt man auch an seiner detaillierten Schilderung einer postnatalen Depression, der Beschreibung einer Frühgeburt oder der schwierigen Umstände einer Adoption in China. Gerade weil seine Charakterzeichnungen so differenziert sind, besitzen seine Figuren auch ein hohes Identifikationspotential. Und trotz psychologischem Tiefgang liest sich alles leicht bei Parsons, an dem auch der Vorwurf abprallt, sich als Frauenversteher aufzuspielen. Denn letzten Endes leistet "Erzähl mir nichts von Wunden" vor allem eins: im ganz normalen Chaos der Liebe den tieferen Sinn aufsteigen zu lassen, warum Menschen Kinder in die Welt setzen.


 

 

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