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Alexander Kunz (neu)
Kolumne: Ich sah ds Elend flimmern ...:
Teil 3

Alexander Kunz
Kolumne: Ich sah ds Elend flimmern ...:
Teil 2

Alexander Kunz
Kolumne: Ich sah ds Elend flimmern ...:
Teil 1

René Hamann
Kolumne 1 - die Zweite


Serie:
Die Schreckliche Wahrheit über Comics

Teil 3 -
Klaus Schikowski
Faszinationen in Frankfurt.
Comics auf der Frankfuter Buchmesse 2006

Teil 2 -
Lotte
Comic-Herbst


Teil 1 -
Klaus Schikowski
Der Sommer der Liebe oder Eine Reise zum Comic-Salon Erlangen

  René Hamann: Kolumne 1, die Zweite

Wieder eine Kolumne, wieder drei Bücher dreier Kaffee-Autoren gelesen, diesmal aber weder im Kino noch auf Reisen gewesen. Wozu auch, wenn man mit Büchern reisen kann - und zwar ohne sich zu bewegen. Immobile Intensitäten, frisch vom Lieferservice.

4. Das Schreiben in Sandalen

Die Gegenwart als vorüberziehende Zeit, die Postmoderne als Entschuldigung für den tiefen Griff in die Archäologiekiste. Der größte der zeitgenössischen Sandalenlyriker, Durs Grünbein, hat sich hingesetzt und ein Jahr lang Tagebuch geführt: Reflexionen über Genetik, die Naturwissenschaften generell, über die Poesie. Immer wieder schön durchbrochen von einem hymnischen Zyklus auf das Wunder der Geburt in Form seiner Tochter Vera. Was auch das einzig Tagebuchhafte an Das erste Jahr ist - Zeitgenossen sind ihm ansonsten Gespenster. Was man sonst so gerne liest, Kritik und Klatsch über Kollegen, findet hier nicht statt. Ganze zwei Geister kommen vor: Ingo Schulze und Wolfgang Hilbig. Und auch erst ab Seite 266. Ansonsten vögelt Grünbein lieber klassisch mit den Toten. Was natürlich zu einer arg unpostmodernen Schreiberei führt: Die Technik bleibt außen vor oder wird kritisch beäugt, das Inventar des aktuellen Gedichts wird lediglich auf den Supermarkt zurückgeführt.

Heikel sind auch seine biologistisch angehauchten Ansichten. Die Differenz der Geschlechter wird lediglich bestätigt, aber keineswegs hinterfragt. Ein Mann z.B. ist ihm nur haariges Tier mit schlechtem Benehmen, die Frau dagegen repräsentiert nach Berufung auf Kant "gesteigerte Empfindlichkeit" in "weiblicher Demutsregie". Grünbein führt "das Aufkommen des Egoismus" auf die primären Geschlechtsorgane zurück - da liegt der ganze Unterschied, aha, like gender studies never happened. Das kantianische "Sprachvermögen", die Sprache überhaupt, bildet hingegen nur einen "formellen Ansatz". Einem Kleinkind spricht er jegliche Identität ab, weil es noch kein Schamgefühl besitzt. Das ist, gelinde gesagt, befremdlich. Dass der künftige Großschriftsteller und Deutschlands nächster Nobelpreisträger hier stilistisch brilliert, und bis auf wenige Ausnahmen ("Wie keine andere ...", eine doofe Figur) mit großer Sprachkraft in eher ruhigen Tönen schreibt, war ja klar. Da lohnt sich die Lektüre schon. Inhaltlich, ideologisch bleibt seine Form der Evaluation fragwürdig, wenn nicht: bedenklich.


5. Vom Schreiben mit Atlas und Geschichtsbuch

Von einem ganz anderen Kaliber ist der neuste Gedichtband von Marcel Beyer, Erdkunde. Bernd Eilert meint: "Es macht wenig Vergnügen, Bücher von Autoren zu lesen, die ihre Muttersprache wie eine entfernte Bekannte behandeln, und deren Umgang mit ihr kaum erkennen lässt, dass ihnen an einem verständnisvolleren Verhältnis gelegen wäre." Das trifft auf Beyer natürlich nicht zu. Beyer ist ein Stilruler, ein heimlicher Anhänger des Rhythmusterrors, das Bindemittel verschiedener Traditionsstränge usf. Kurzum: Auf Beyer können, werden sich viele einigen, und zwar zu Recht. Andererseits ist ihm schon so viel Nektar auf den Bauch geschüttet worden ("Die Honigoden/ Kürzungen von fremder Hand, was lesen/ wir, was steht ins Bienenbuch/ geschrieben: Name? Am Apparat." aus Bienenwinter V), dass man es kaum noch aushält. Die Genossen unten wittern schon Kanonsüchte. Die druckerschwarzen Geschwätzigkeiten anlässlich eines Preises künden davon. Lassen wir die Texte ran:

Zwei Dinge sind auffällig in Erdkunde, seinem offiziell zweiten Gedichtband (komische Ritualisierung: Die Kleinstbände für Kleinstverlage, am Anfang einer SchriftstellerInnenkarriere noch so wichtig, fallen unter den Stammtisch), zum Einen das merkwürdig Fragmentarische seiner neuen Texte, zum Andern die Abnahme der hohen Spielkunst bei Zunahme durchsichtiger Handwerkertricks. Was nicht heißt, dass Erdkunde schlecht ist. Gerade das Parlando dieser Lyrik ist bestechend. Für das Fragmentarische gebe ich einfach nur ein Beispieltext:

Nach der Dämmerung

Vergaß, die Hände anzuschauen gestern abend.
Die ganze Nacht ein Rudel Hunde draußen auf
den Steinen. Dann lief das Wasser über mein

Gesicht. Vergaß, die Hände anzuschauen. Man
sieht das Morgenlicht zwischen den Beinen.

Und? Ist die "Neue Spröde" eine Tendenz? Wo geht das Laserlicht hin? Ich hatte ja gedacht, gerade beim Titel Erdkunde, dass es wieder um Kinderstunden ginge. Ein mit "Spione" überreiztes Thema. Aber nein, es ist das andere Lieblingsfeld, die Geschichte. Zum Glück, muss man sagen, nicht (sehr) als Archäologie wie bei Kling oder Grünbein, sondern als hintergründig schimmernde Blaupause. Beyer geht in den Osten, von Dresden aus in Richtung Kaliningrad, Ostpreußen. Seine Kamera bleibt in der Echtzeit: Nix mit CNN Tannenberg, auch wenn die masurischen Seen gestriffen werden, nein, nach Restspuren im Jetzt wird gesucht. Das ist gut, das bringt was, gerade im Zyklus "Ostpreußenmuster". Dazu werden kleine zwinkernde Hints gereicht, wieso das alles, was ist jetzt mit dem Gedicht: "IN MEINER JUGEND, SAGEN WIR NOCH/ VOR FÜNFZEHN JAHREN, HÄTTE ICH MIR EIN SOLCHES// THEMA NICHT AUSGESUCHT." Und: "Da ist was/ schiefgelaufen" (aus: Ostpreußenmuster III). Auch ein Josef taucht wieder auf, dieses Mal ist Stalin gemeint.

Eine kleine Pauschalkritik reicht da nicht ran. Nur über die Handwerkertricks ließe sich was sagen. Ein verbauter Kalauer wie "diese Zeiten sind/ vorbei. Johannes, R-Gespräche// sind nicht länger zu erwarten" (aus: Bienenwinter VIII) ist zwar eher die Ausnahme. Zyklen wie "Fünf Zeilen" und "Kondensmilch" (da sind wir wieder im Grünbeinschen Supermarkt) zeigen jedoch vor allem eines: Sprache ist Handwerk, ist Material, das so lange geloopt wird, bis es negativ auffällt. Oder: Aus einem Gedicht mach acht, in dem man alles dreht und wiederholt, das Material - hier Autoreifen, da Kondensmilch - dreht und wendet, bis nichts mehr geht. Man stutzt kurz: Da scheint das Wörterbuch recht locker zu sitzen, überhaupt werden Nomen gedroppt wie nichts gutes, der Verschleiß, das Schleifen, der Schliff. Das saugt, das steift.


6. Lyriker schreibt Prosa

Schuster, bleib bei deinen Leisten, heißt es bekannterweise. Übertragen auf den Literaturbetrieb hieße das (um vorsichtig mit Reich-Ranicki zu sprechen): Lyriker können keine Prosa. Dass das nicht stimmt, ist egal. Leider hat sich Mirko Bonné aus Hamburg aufgemacht, diese falsche Behauptung zu unterstützen. Seinen ersten Roman, Der junge Fordt, kenne ich nicht, habe jetzt aber "Ein langsamer Sturz" (DuMont) gelesen: Ein sinnloses, gänzlich überflüssiges, abgeschmacktes Buch. Die Handlung nachzuparafrasieren, fehlt mir schon jegliche Lust. Die Hauptfigur jedenfalls ist Geschäftsmann und als solcher von Hamburg aus in Marseille stationiert; auf dem Flug nach Izmir entkommt er dem Tod, weil er zufällig eine spätere Maschine genommen hat. Anders als sein Assistent und Erbe. Folgend kommt eine verbrämte Businessmen-in-Hotels-Story, angereichert mit zwei kleinen Liebesgeschichten, einer ausgelaufenen, einer beginnenden. Öde und trostlos. Vorabendserienniveau. Die Motive, die psychologischen Muster der Figuren bleiben durchaus beliebig, die Sprache wirkt geglättet und ambitionslos.

Warum schreibt man so was? Die Lyrik wirft kein Geld ab, fällt einem als möglichen Grund ein. Aber wieso fasst man die Prosa nicht einfach genauso an: Als Experimentierfeld, als breite, lange Bahn, auf der sich Sprache entfalten kann? Müde und traurig bin ich, und das Ende ist auch nur eine einzige Katastrofe.

Literaturangaben:

Grünbein, Durs: Das erste Jahr. Suhrkamp 2001.
Beyer, Marcel: Erdkunde. DuMont Lyrik 09 2002.
Bonné, Mirko: Ein langsamer Sturz. DuMont 2002.


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