Kolumnen

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Alexander Kunz (neu)
Kolumne: Ich sah ds Elend flimmern ...:
Teil 3

Alexander Kunz
Kolumne: Ich sah ds Elend flimmern ...:
Teil 2

Alexander Kunz
Kolumne: Ich sah ds Elend flimmern ...:
Teil 1

René Hamann
Kolumne 1 - die Zweite


Serie:
Die Schreckliche Wahrheit über Comics

Teil 3 -
Klaus Schikowski
Faszinationen in Frankfurt.
Comics auf der Frankfuter Buchmesse 2006

Teil 2 -
Lotte
Comic-Herbst


Teil 1 -
Klaus Schikowski
Der Sommer der Liebe oder Eine Reise zum Comic-Salon Erlangen

 

Klaus Schikowski

DER SOMMER DER LIEBE
oder EINE REISE ZUM COMIC-SALON ERLANGEN


     es geht um comics. was sie sind, waren und sein werden. es geht um ein medium das so seltsam unterfordert scheint. es treffen sich generationen, die von der welt der bunten bilder unterhalten, fasziniert oder verwöhnt werden. welches sind die möglichkeiten des comics und welche davon noch lange nicht ausgeschöpft? welchen stellenwert hat die comicform im jahre 2002? erlangen versucht diese fragen zu beantworten.

     die stadt hat sich rausgeputzt. sauber und adrett sieht sie aus, beinahe so wie es sich für eine stadt in dieser region gehört. am bahnhof wird man jedoch von riesigen säulen empfangen, an denen astro boy prangt. wer? astro boy? das ist doch der tim der japaner, derselbe klassikerstatus, neue wurzeln wollen begriffen werden, also doch für die comics bereit. die stadt möchte zeigen, dass der comic an diesem wochenende hier stattfindet. vielfach vergrösserte eintrittskarten des salons am bahnhof. das ist also die präsentation des comics in der öffentlichkeit, plakativ gegen die bildfolge vorgehen. doch nahezu 20.000 exoten pilgern nach erlangen um dabei zu sein. sie möchten zeigen, wie ernst es ihnen ist. schliesslich befinden wir uns in den funny papers. wir sind in erlangen.

     eckdaten: 10. comicsalon erlangen. das grösste kulturereignis des comics in deutschland. verleger, händler, zeichner, alle sind sie da. familientreffen. schliesslich gibt es nicht viele möglichkeiten, wo sich die minderheit austauschen kann. aussstellungen, podiumsdiskussionen, und preisverleihungen. alles rund um das panel, die sprechblase, onomatopoeien wohin das auge reicht. alles zwischen der party. wer oder was gefeiert wird ist egal, die grossverlage feiern sich, die kleinverlage feiern ihre zeichner, die fans, nerds und geeks feiern mit.

    und dort immer mitten mang, von überdimensionalen robotern empfangen taumeln wir in die tiefe der comic-szene, junge mädchen, gekleidet wie japanische comic-figuren, junge und alte männer die ranzen voll mit comics, an den ständen werden die ersten hände geschüttelt, man kennt sich, so wirds weitergehn, optimismus auf den lippen flüchten wir in die ersten ausstellungen. und wir geraten in feierstimmung, feuchte augen ob der musealen behandlung des comics, alle gerahmt, viel gibt es hier zu sehen, das diesjährige thema ist die stadt und der comic, da hat man sich was einfallen lassen, französische zeichner zeigen ihre originalseiten, new york, new york ist auch dabei, die stuttgarter comic-szene wird präsentiert, schwarzer karton mit einschabungen, ein kölner cartoonist, bekannt aus express (sic!) bekommt seine cartoons ausgestellt. doch keine information, keine biographie, lieblos hängen werke nebeneinander im grossen durcheinander, nichtmal ein katalog, nichts, und dort wo es besonders spannend wird, im niemandsland, wo die seminarteilnehmer der zeichenschule traditionell ihre arbeiten ausstellen ist es zu dunkel, befremdliche musik tönt in den hallen, und ein lichtschwert beleuchtet dann die einzelnen seiten, das ist ja wie yps mit gimmick, denn die seiten erzählen mehr und wirken nachhaltiger als das geprotze der franko-belgischen fraktion, natürlich von den grossverlagen eingeladen, sind die doch auch mit dem comic im kinderwagen grossgeworden, klar, ganz andere sozialisation, schauen wir auf und stehen wie angewurzelt da, ob soviel leichtigkeit im handwerk, aber mit dem lichtschwert können wir sie sehen, die frische und das befreite von allen konventionen gelöste, was hier die nachwuchszeichner präsentieren, eigenwillige erzählungen, frische bildkompositionen, etwas passiert, flüstern wir in diesen hallen, fühlen wir uns erinnert, was den comic ausmacht:
     die nische besetzen zwischen erzählender gattung und grafischer komposition, lasst bilder sprechen oder buchstaben malen, eine ausformung der zu eng gesetzten regeln, die sich der comic in den vergangenen jahrzehnten selbst auferlegt hat. von grafischer novelle bis zu verspielten bildsequenzen, alles will erzählen, in bildform aufgehen, ein bisschen spass muss sein.
     die ausstellungen waren schnell durchschritten, hätten wir noch die ausstellung über 9-11 mitnehmen?, nein danke, feuerwehrmänner und polizisten in gezeichneten trümmern, puh, dafür sind wir zu entrückt, und schauen lieber, was eine podiumsdiskussion ist, dort ist die intelligenzia der szene zugange und müht sich aus der szene eine kultur zu formen, streng wird sich der kopf zerbrochen, der diversifikation einhalt gebieten, und niemand möchte definieren und wortklauberei ist sowieso nicht unser metier, und das sich der comic ändert, darüber sind sich alle einig, fragen werden hier keine beantwortet, das mysterium der comics lebt weiter.

     na dann, sagen wir uns, gehen zur independent-preisverleihung und dort ist ein grosses hallo, erstaunen allemal über die qualität der prämierten über die an dieser stelle noch zu reden sein wird, die freude ist echt, und glückwunsch für solch überfällige preise, der icom ist auf dem richtigen weg, icom?, ach so, so´ne vereinigung von zeichnern für, ja, so´ne art zusammenschluss halt, anlaufstelle, interessenverband der comicschaffenden, ist ja auch fürn guten zweck, wichtig das, schliesslich gibt's hier auch geld für die preise, jawohl brot für den künstler, sehr lobenswert, jetzt aber mal los.

     auf welcher party wart ihr gestern abend, aber hallo, sternhagel und kein bisschen weise betreten die mienen erneut das feld um vor dem podium staunend platz zu nehmen: die kleinverlage sprechen und hoho, haben die aber eine breite brust, das selbstbewusstsein ist beinahe ansteckend, sie sprechen von dem was passiert, ohne angst, sprechen von werken, die den zustand des comics in deutschland reflektieren, aufbruch also, der künstler kommt aus der kunst und schaut mal vorbei, was das medium da zu bieten hat, und siehe da, sequentialität ist ein thema, wird ja schliesslich auch immer wichtiger, schliesslich ist ja jedwede form von kommunikation und auch die medien sequentieller art, pardauz, was war da eine freude, party on, die gattung ist nicht totzukriegen, der nährboden ist sogar ein reichhaltiger, zwischen den panelgrenzen kann soviel passieren und zwischen den panels gar noch mehr, treffen wir uns im nachtlokal, was wird denn hier gefeiert?, der comic feiert sich selbst, rufen lallend die schabkünstler, ikonographen und erzähler, die happening-magazin-macher, und still in der ecke lacht gar jemand ins fäustchen, das ist der sommer der liebe, der comic ist erwacht, cheers, nun wird er bekannt gemacht, gründet comic-magazine ruft jemand und die menge wird klein und kleiner unter den sprech- und denkblasen, nichts auf anfang, wir starten weiter durch.

     quälen uns durch die fans, nerds, geeks und sehen bekanntes, unbekanntes, nie gesehenes, die verlage unsicher, wohin wird uns der boom treiben, die welt redet manga, drachenbälle am kopf, anime, schnell, schneller werdend, die szene diversifiziert sich, es bilden sich immer mehr genres aus, mir käst das gehirn, wohin, und an wen soll ich mich wenden, wenn selbst mein local dealer nicht mehr weiss, was, verwässert der begriff: comic? ja, rufen sie, das ist doch seine chance, also nutze er sie, jedem seine nische hören wir jemand rufen, nichts ist wahr, alles ist erlaubt, taumeln wir hinaus ins erlangen, hinein ins theater, dort findet, psst, die grösste preisverleihung des deutschen comics statt, psst, der max und moritz-preis, ein lausbuben-pokal also, und wer bekommt den, natürlich die, die am bravsten waren, nein, nicht wahr, wir erleben die ersten grabenkämpfe der alten generation mit dem prototyp des anspruchsvollen comic und die neue generation die sich in den randbezirken zu schaffen machen, mit formen brechend, ah, wie gut das tut, wie luftig, entwurzelt, wir kichern in uns hinein im stadttheater erlangen, trösten uns danach mit denen, die noch keinen preis bekommen haben, aber letztlich gibt's dafür ja doch nur das max und moritz brot von der bäckerinnung erlangen, kein geld, da wird noch mitgedacht, das geben die zeichner ja doch nur alles für unfug aus, feiern wir, alles auf zukunft, der aufbruch des comics, feiern mit den verlagen, autoren, zeichnern, geeks, nerds und fans, bis unsere sprache nur noch kreist, immer rundherum in einer sprechblase, die laut plopp macht, und das bild mit buchstaben überschwemmt, in sich selbst zusammenfällt, verabschieden wir uns aus erlangen und können es kaum abwarten wie es mit dem comic weitergeht, zu sehen bei den nächsten comic-tagen im april, hier in köln.

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