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  Corinne Schneider
Fjodor M. Dostojewskij
“Der Idiot”
Der menschliche Kosmos

Philipp Grabinski
Zuflucht
(Joris K. Huysmans)

Isabella Löhr
Stanislaw Lem •
Der futurologische Kongreß
 

Isabella Löhr

STANISLAW LEM • DER FUTUROLOGISCHE KONGREß

Wirklich wissen wir es nicht, was wir machen und ob es wir es machen. Denn wir könnten, ohne es bemerkt zu haben, Opfer einer „Bembe", eine „Bombe menschlicher Brüderlichkeit" geworden sein oder „Doppelsüßsaures Gutetat und Schmusium", heimlich ins Trinkwasser gemischt, getrunken haben und bombastisch gelaunt, in Liebesanfällen gefangen durch die Gegend taumeln und alles und jeden aus tiefsten Herzen lieben. So wie die Teilnehmer des futurologischen Kongresses. Eigentlich treffen sie sich, um das Kollabieren der Welt in Schranken zu halten, dass es nicht ganz so schnell passiert und nicht allzu grausam aussieht: Die Überbevölkerung ist ins Unendliche gewachsen, die Erde ist verdreckt, Gewalt ist normal, Kriege und Rebellion alltäglich, der Umgang miteinander ist ganz pragmatisch, unprätentiös, abwesend, unernst – Lem beschreibt ganz im Verfallston den Untergang der Welt, malt in lustigen Ereignissen das Bild einer degenerierten Weltgesellschaft, der der Grad ihrer Ruinosität zu entgehen scheint; denn alles ist normal, weil es halt so ist. Und dann die Erlösung: Ein Zeitsprung, einige Jahrzehnte später ist die Welt das wirklich gewordene Utopia, das von Glück und Seligkeit durchdrungen ist, Leiden gibt es nicht mehr, Weltuntergangsprobleme schon gar nicht mehr. Fortschritt und Technikgläubigkeit haben ein Paradies geschaffen, dessen Meister die Menschen sind. Ihnen fehlt es an nichts, sie sind da, um da zu sein und gehen ganz in ihrem Da-Sein auf. Ein paar Menschen sterben schon noch, jeder muss doch noch ein wenig arbeiten, aber natürlich ist die Arbeit schön, Ungerechtigkeit, Abhängigkeit, Krieg, Aggression, Streit sind Leerstellen geworden. Statt dessen Dauer-Freude, Nettigkeit wo man hinschaut, Laszivität, Luxus und natürlich Farben, Düfte und Psychopharmaka überall. Überhaupt besteht diese Welt aus vielen lustigen Dingen und Worten, die keiner versteht. Warum schauen die Menschen dann manchmal so seltsam angriffslustig oder sind so oft außer Atem? Und wieso ist nirgendwo zu erfahren, wie es zu diesem Zustand gekommen ist? Hirngespinste? Gibt es einen Haken? Na klar gibt es den. Die Menschheit steht unter Drogen, sie phantasiert. Was wirklich und was imaginiert ist, ist nicht mehr zu unterscheiden. Immer wenn man meint, jetzt am realsten Punkt der Realität angekommen zu sein, wo die Dinge wahr sind, weil sie wirklich so sind, wie sie suggerieren zu sein, kommt wieder ein neuer Trick, ein anderer chemischer Stoff, der Realität und Traum verwischt. Keiner weiß es, keiner sieht es und keiner kann es sagen, weil hinter der ‚Realität' immer eine tiefere Schicht Realität versteckt sein kann, die sich nicht zeigen will. Brauchen letztlich die Futurologen den Weltuntergang doch nicht zu verlangsamen, weil es auch ihn gar nicht gibt? Ein konservativer Verfallsdenker ist Lem auf jeden Fall nicht – auch wenn er so tut als ob.


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