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JUDITH JOY ROSS: LIVING WITH WAR

Krieg ist – auch wenn man es nicht wahrhaben möchte – ein Alltagsphänomen unserer Gegenwart. Selbst wenn er nicht unmittelbar im eigenen Umfeld stattfindet, prägt er die Gesellschaften, die sich im Krieg befinden. Dies trifft vielleicht besonders auf die USA zu, die nicht erst seit dem 11. September 2001 Kriege auf anderen Kontinenten führen. Die amerikanische Fotografin Judith Joy Ross (*1946 in Hazelton Pennsylvania) beobachtet seit den 1980er Jahren Menschen, die sich im weiteren Sinne mit dem Phänomen Krieg auseinandersetzen. Ihr Buch „Living with War“ fasst nun drei Serien aus dem thematischen Umfeld zusammen.

Judith Joy Ross fotografiert ausschließlich schwarz-weiße Porträts. Die meist einzeln auftretenden Personen werden durch die geringe Tiefenschärfe aus ihrem Umfeld visuell herausgehoben. Ross verwendet immer eine 8x10 inch (ca. 20x25 cm) Großformatkamera. Dieses Format ist nicht für spontane Aufnahmen geeignet, sondern erfordert eine sorgfältige Prozedur vom Scharfstellen bis zur Belichtung, was sich in der Haltung und im Blick der Porträtierten widerspiegelt, die einen längeren Moment still halten müssen. Im Buch sind die Bilder in der Negativgröße abgedruckt, so dass die Präzision der in den Ausstellungen präsentierten Kontaktkopien auch im Druck noch zu erkennen ist.

Die erste Serie in „Living With War“ ist wohl die Bekannteste: 1983/84, kurz nach dessen Eröffnung im Herbst 1982, porträtiert Ross Menschen, die das Vietnam Veterans Memorial in Washington D.C. besuchen. So zeigt die erste Fotografie im Buch zwei US Marines in weißen Ausgehuniformen vor der signifikanten schwarzen Granitwand, in die die Namen der in Vietnam getöteten und vermissten US-Soldaten eingemeißelt sind. Diese Fotografie ist eine der wenigen, die mittels Hintergrund auf den spezifischen Ort verweisen. Sie benennt den räumlichen und setzt den atmosphärischen Kontext, der sich in den folgenden Bildern eher in der Haltung oder den Gesichtern der Porträtierten spiegelt.

Die folgenden Porträts zeigen die Menschen meist halbnah. Manche schauen direkt in die Kamera, andere scheinen die Namen auf der – für den Betrachter unsichtbaren – Wand zu lesen. Die Menschen blicken ernst, gefasst und wirken sehr bei sich. Die Bilder zeigen Menschen unterschiedlicher Generationen. Ob sie persönlich von den Auswirkungen des Krieges betroffen sind, erfahren wir nicht. Die Porträtierten sind namenlos, es gibt keine Bildtitel, die Informationen liefern könnten. Wir betrachten Menschen, die sich individuell der Erinnerung an die historischen Ereignisse an einem atmosphärisch aufgeladenen Gedenkort aussetzen.

Ohne Übergang folgt die zweite Bildreihe, die mit „U.S. Army Reserve, On Red Alert/Gulf War Rallies 1990“ betitelt ist. Die Serie beginnt mit Bildern von uniformierten Soldatinnen und Soldaten, die sich auf einen möglichen Einsatz im Golfkrieg vorbereiten. Im deutlichen Unterschied zur ersten Serie werden hier die Namen der Porträtierten genannt. Die erste Fotografie zeigt eine Soldatin unbestimmter ethnischer Herkunft. Ihr Alter ist schwer zu bestimmen, auch weil die Aufnahme eine leichte Unschärfe aufweist, die auf eine Kopfbewegung während der Belichtung zurückzuführen ist. Doch die Unschärfe stört nicht, denn die Intensität des Blickes von P.F.C. (Private First Class – niedrigster Dienstgrad in der US Army) Maria I. Leon fesselt: Sie schaut sehr ernst und konzentriert in die Kamera. Was mag in ihr vorgehen? Im Bild der uniformierten Frau findet sich keine Antwort. Judith Joy Ross bemüht sich nicht, die Porträtierte psychologisch zu erfassen. Und dennoch brennt sich Leons Gesichtsausdruck ins Gedächtnis der Betrachter ein. Der im Bild fixierte Blick beunruhigt vielleicht auch deshalb, weil er nicht lesbar ist und die Fotografie nicht vorgibt, ihn interpretieren zu können.

Besonders intensiv wirken jene Bilder der Serie „U.S. Army Reserve“, in denen die Porträtierten direkt in die Kamera blicken und sich das im Raum vorhandene Licht in ihren Augen spiegelt. Doch auch die Porträts derjenigen, die nachdenklich in die Ferne oder auf den Boden schauen, besitzen eine Intensität, die unter anderem auf der hohen Auflösung und Plastizität der Großformat-Fotografien beruht. Die große Strahlkraft der Originale vermittelt sich noch im gedruckten Buch.

Zwischen den Bildern der SoldatInnen fügt Ross Fotografien von jungen Menschen ein, die gegen den Krieg protestieren. Auch sie schauen ernst und konzentriert. Weil sie Zivilkleidung tragen, wirken sie aber individueller als die Armeeangehörigen.

Diese Bilder leiten über zur dritten Serie, die „Protesting the U.S. War in Iraq 2006/07“ heißt. Hier fotografiert Ross Kriegsgegner aller Generationen auf verschiedenen Demonstrationen. Manche halten Plakate in der Hand, doch die meisten sind ohne Requisiten fotografiert. Wie auch in den anderen Serien inszeniert Ross nicht, sondern stellt den Menschen frei, der Kamera in einer Haltung zu begegnen, die sie selbst aussuchen. So entstehen ganz unterschiedliche Porträts. In vielen Fotografien dieser Serie modelliert das starke Sonnenlicht die Gesichtszüge und beeinflusst wohl auch den Blick und die Haltung der Fotografierten. Es scheint fast, als ob manche Porträts von innen heraus leuchten. Die Bilder dieser Serie sind mit Namen, Ort und Jahreszahl betitelt.

Ross unternimmt keine Einordnung über berufliche oder soziale Attribute. Sind sie jedoch vermerkt, wie beispielsweise bei der Fotografie des ehemaligen Kongressabgeordneten und Senators John Verkamp, wirkt dies fast schon störend. Besonders fällt die Fotografie eines Priesters auf. Die Präsenz der berufstypischen Insignien lässt die sonst vorhandene Anonymität verblassen und führt dazu, dass man Gesichtsausdruck, Haltung und Kleidung als Ausdruck des beruflichen Interesses interpretiert. Die Individualität und Anonymität der Person wird in der Zuordnung zu einer spezifischen Berufsgruppe zurückgenommen. Denn die Unmöglichkeit, gültige Aussagen über die Porträtierten zu treffen oder sie einer bestimmten sozialen Gruppe zuzuordnen, hebt deren Individualität geradezu hervor. Und darin liegt eine der herausragenden Qualitäten der Arbeit von Judith Joy Ross. Blick, Haltung, Kleidung bilden die wenigen Attribute, die sich zur Betrachtung der abgebildeten Personen heranziehen lassen. Das Fehlen zusätzlicher Informationen, also die Konzentration der Arbeit auf das im Bild Abgebildete und damit die außerordentliche Wirkung des bloß Sichtbaren, entziehen einer deutenden Betrachtung die Grundlage.

Ross zeigt die Physiognomien einiger ihrer Landsleute, die durch das Ereignis Krieg an der politischen Realität teilhaben. Insofern gehen die Porträts über das Individuelle der einzelnen Personen hinaus. Sie erzeugen Aufmerksamkeit für die Verantwortung, die das Individuum im gesellschaftlichen Rahmen trägt. Die drei Serien geben einen Einblick in unterschiedliche Momente der jüngeren amerikanischen Vergangenheit bis hinein in die Gegenwart. Die dokumentarische Haltung von Judith Joy Ross lässt die Porträtierten in den Fotografien eigenständig auftreten. Zugleich hält sich die Fotografin mit der Interpretation zurück. Ihr Interesse gilt nicht der konkreten politischen oder gesellschaftlichen Situation, sondern den Menschen, die sich zu ihr verhalten müssen und mit ihr auseinandersetzen. Auf diese Weise macht sie auch ihren eigenen – dezidiert gegen den Krieg gerichteten – Standpunkt deutlich.

Judith Joy Ross: Living with War. Herausgegeben von Heinz Liesbrock. Kat. (Josef Albers Museum Quadrat Bottrop), Göttingen 2008, Steidl
164 Seiten, 86 Abbildungen.
Format: 30 x 24 cm

Bildbeispiele: http://steidlville.com/books/752-Living-with-War-Portraits.html

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