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      Roundabout Juli



 

 

roundabout juli

1)
FOR TINKERBELL.
die geschichte schreibt sich fort. sie hatte sich als flaschenpost verstanden, vorher, im moment ihres entstehens, später, im moment ihres gelesenwerdens. der umschlag, in dem sie steckte, die gebühr, die man für die verbreitung bezahlt hat: waren wichtig. die inselfreier mochten denken, die geschichte wäre abgeschlossen, eingetütet, aber sie schreibt sich fort; was sie nicht erkannten, als die rezeption sich wunderte: warum post, warum nicht telefon, warum nicht café? es hatte sich verunmöglicht, war ich versucht zu argumentieren, es ging nicht anders. aber eine antwort war auch, dass es potenziell viele emfänger geben musste, u.a. man selbst. was ich sagen konnte, am telefon, im café. aber die geschichte selbst konnte nicht einer weiteren tasse, einem weiteren keks, einer nächsten zigarette überlassen werden. das machte sie nicht mit.
catatonia, for tinkerbell
-rh-


2)
was geschah dann? flaschenpost bleibt flaschenpost, also metapher. sinnbild einer nachricht, die authentizität für sich reklamiert. rauch, gesprächsfetzen, ein wolkenzermürbter himmel. vermutlich spanien, vermutlich halb-vor-blauer-stunde. passanten eilen, die zigarette klebt im mundwinkel, immer noch die flasche wiegend, ihren hintersinn, wo ist die absicht, wo ist der zufall, was entwickelt sich. post ist jede nachricht an den leser, sie ist auch der beginn eines kriminalfalls. wer soll entscheiden? ich, ich-nicht oder der andere. die schwärze der häuser zeichnet sich brutal deutlich ab und alles wird zu dem labyrinth, das es in wahrheit ist. an der bar ein streit, blitzender chrom, die espresso-maschine heult wie ein gefoltertes pferd. sinnbild der nachricht als solcher. sinnbild einer ernsthaftigkeit, die so gar nicht existiert. es ist unbedingt ein verbrechen. ob bereits geschehen oder nicht, das macht keinen unterschied. es ist unbedingt ein verbrechen.
-e.s.-


3)
BESPRECHUNGEN
Thomas MANN: Buddenbrooks.
Verfall einer Familie.

Unter späten Septembersonnen wenden die Tage sich schneller ab: und zu letzte Tanker. Ein Wald in der Stadt mit Lichtung, die Hohlwelttheorie erscheint plausibel: so ein ganz synthetischer Glockenwald. Dass hier kein wirkliches Land ist, bemerkt sich durch Brandung des Zentrums, was auch Kampf bedeuten könnte, oder schleichende Plaque eines Himmels: die Andeutung einer Trübung, die bald wie Frühnebel fällt. Die Kindheitslichtungen belichten sich: Das waren andere Landschaften, scheueres Wild. Hier hingegen ist Tony jetzt wohl wahnsinnig geworden; ein ausgewachsenes Exemplar hat jegliche Ambiguität verloren: ganz Muttertier. Was das Auge leichter für wahr nimmt sind Kontraste: wie lange kupferne Haare über milchiger Haut auf letztem Grün. Ich erinnere Fahnen und flüchte bald auf die fremde Insel. Vom Verfall einer Familie lenken Insekten mich ab: Die Wespe beißt der Schnake die Flügel ab und fliegt mit ihr davon.

Bret EASTON ELLIS: American Psycho.
I'm into, oh, murders and executions mostly. It depends.

Leben, das wirkliche, ist also dies: Druck, leicht aber beständig, auf den unteren Teil des Kehlkopfes. In den Mittagspausen gibt man sich entspannt in Restaurants. Sonst werden Informationen gesogen und verschoben: Das Pariser Börsenviertel ist nicht die Wallstreet, aber es gibt sie wirklich, Kollegen, die viele Telefonate führen, um einen Mittagstisch zu reservieren. Mit 16 hatte ich Prinzipien: Dazu gehörte der Vorsatz, niemals Krawatten zu tragen. Mit 26 habe ich ein Diplom (republikanisch): Blindlings binde ich heute den doppelten Windsor (royalistisch). Spätes Scheidungskind hat mich eine Krawatte zu binden das Internet gelehrt, gesogene Informationen, überall: Es gibt viel Hass in dieser Stadt. Morgens zur rush-hour, gestapelt auf engstem Raum, ekelt mich die menschliche Spezies an: ihr fortwährendes Brüten, Verbrennungsprozesse, Aminosäurenterror; dann ihre unausrechenbaren Bahnen, die die meine hindern: Gedanken an mergers, murders, acquisitions und executions, die Phoneme zerstieben unter der Hirnrinde. In kühlen Zeiten mit dunklen Lederhandschuhen geschützt, achte ich sommers peinlichst darauf, nichts in diesem Virenherd mit den Händen zu berühren. Als ich sechs Jahre zählte, warnte meine junge Mutter, sich nicht mit den giftigen Gewächsen im Garten einzulassen - Maiglöckchen, Tollkirsche, Fingerhut: Der Mietshausgarten war ein Urwald, und mein noch junges Leben schon täglich bedroht. Zwei Wochen lang wusch ich mir alle fünf Minuten die Hände und glaubte, ich müsse sterben.

William SHAKESPEARE: Hamlet.
How long will a man lie i'th' earth ere he rot?

Sei's drum. Eine Generation oder sieben Millionen Jahre, ein dänisches Königreich oder tschadischer Wüstensand: Durch leere Augenhöhlen blickt man doch immer in ein schwarzes Loch. Diese Schädel hatten einmal Zungen inne, aber wozu wurden sie benutzt? Nahrung wenden, Schlucken, Lecken, Pfeifen, Sprechen, Singen, Küssen...? Die schwarzen Löcher saugen Gedanken auf, ich stelle mir Haut und Fell darüber vor und weiß, ich wollte Lucy, Abel und nun Toumai nicht begegnet sein. Dabei kenne ich Menschenscherben seit frühen Messdienertagen. Nach einer Beerdigung fragten zwei lustige Totengräbergesellen, ob ich ihnen nicht ein wenig zur Hand gehen wolle. 25 Jahre wurde stadtverordnet geruht, dann folgte die Aushebung. So wurde ich, neunjährig, in Archäologie initiiert. Die Grabungen gingen zügig voran, nach kurzer Zeit stießen wir auf die ersten Funde, elfenbeinern, im schwarzen Friedhofstorf. Warum Gertrude, die unpässlicher Weise vorbei kam, einen Schock erlitt und mich wegzerrte, verstand ich nicht.
-CJ-


4)
Little Senegal ist ein toller Film, den man sich unbedingt angucken soll. Das Faszinierende an ihm ist, wie er engagiert erzählt, ohne dabei aus der Fassung zu geraten. Er ist sehr gelassen und spricht mit den Bildern und in den Sprachen, die er vorfindet. Das stärkste Bild ist eine Tür ohne Wiederkehr, die auf's Meer führt. Die Sprachen sind Englisch und Französisch sowie ein Kauderwelsch aus beidem.

Christians Texte sind gut. Der Ansatz synchronisiertes Gedächtnis, Platten bei René und Bücher bei Christian, in eigenen Texten mit individuellem Gedächtnis zu verbinden ist super - und insofern mächtiger als die Tagebuchform, die beide auch praktizieren, als dass man nicht so schnell dazu neigt - wie z.B. Saskia - eine Grenzziehung zwischen "Innerem" (=Bücher, Platten, "pensées") vs. "Äußerem" (Handeln und Erleben) aufzumachen. Die Wespe, die noch in der ersten
Fassung einer Libelle den Kopf abbiss, gefiel mir besser als der flügellose Flug der Schnake. Sehr stark Gertrude, die das archäologisch tätige Kind vom Friedhof zerrt. Aber ganz vorsichtig: Vorsicht! Die Konstellation aus Tod, Archäologie
und alten, von Geistern verfolgten Berühmtheiten erinnert mich an einen lebenden Meister, dessen Erscheinung mir über Christians Schulter irgendwie vertraut
vorkommt (in der jetzt verschwundenen Fassung der Mail war das übrigens echt geil formuliert).

EL PARAISO

ich weiß nicht was da war doch
muss es schön gewesen sein auf
fotos sie dahinter licht was sprachen
wir? es war ja alles da.
wir saßen vielleicht
zwischn dominospielern
am see. was fehlt steht sicher
geschrieben ich weiß noch: ein
mädchen stand an die hütte gelehnt und
das bier gefror in der flasche
sobald es beim öffnen zu
schäumen begann.
-TS-


5)
da sind wir wieder nach längerer Pause, die vielleicht allen ein Bedürfnis war - und haben immer noch nicht Steno gelernt. Ich habe es nie wirklich vorgehabt, Herr Hamann hingegen hat es einmal erlernt, als er noch jung und hübsch war, eine Information, die mich - das Private ist nicht literarisch - letztens doch erstaunte. Oha, der Mann hat mal Steno gelernt, vielleicht würde mir das Erlernen von Steno das Schreiben erleichtern, angesichts meiner Welt, die in der Woche mittlerweile zu 90% aus PC-Bildschirm besteht. Ich hacke also nach wie vor mit einer mehr schlecht improvisierten als richtigen 4+Finger-Methode in die Tasten wie nichts Gutes - Hacken meint zerhackt, nicht im Fluss, nicht an einem Stück, keine Linie, sondern permanente Korrektur der Korrektur der Korrektur. Sollte ich nun schnell auf das Feld der reflektierten Schreibtechnik hüpfen, um euch ein gelangweiltes Wissenwirdoch über Äußerungen à la "Wie die Maschine unser Schreiben verändert" und andere CopyPaste-Philosopheme zu entlocken (- zumindest dies: es kommt einem Drang zum Feilen entgegen)? Die Sprache sprach und hatte aber mit einem heiteren futur antérieur schon Nein gesagt. Die Tasten bedienen können macht noch keinen Sinn, Sinn machen Texte - and that's what it's all about at The Roundabout Inc. / Founded in 2000, Deutschlands 245ältesten internetbasierten Plattform zum Austausch von Gedanken, Theorien und Primärem zum Thema Text als Kunst.

FOR TINKERBELL hat uns also Herr Hamann gesendet, ein Stück aus der "Lieder"-Reihe, die ja bisher bei allen gut recht angekommen ist - wenn ich mich richtig erinnere ( - Erinnerung ist aber nur eine Reorganisation des Selbst, sagt uns die Psychologie). Gleich beim ersten Draufschauen assoziierte ich "For Trinkerbell", also Trinklied, Irland, Brüllsaufen und sonstiges Alkoholgegröle. Oh Gott, dachte ich, ob das Steno dem Herrn Hamann letztlich nicht doch geschadet hat? Aber nein, es sind ja kleine, tagebuchhafte Texte, die als Anlass und Titel jeweils den Titel eines Popsongs nehmen. Je bekannter der Popsong, bzw.: Wenn einem, in diesem Fall mir, richtig geraten, der Song bekannt ist, macht das Lesen schon wegen aufgestauter Erwartung mehr Spaß (wieso muss ich bei aufgestaut an Sex denken?), in diesem Fall: ?. Catatonia, for tinkerbell? Muss ich gleich mal meinen Gnutella-Servent BearShare aktivieren. Doch schon etwas zu hermetisch, eine Minierzählung ohne wirkliche Verankerung, eine freischwebende Assoziationswolke. Nicht wirklich schlecht, aber auch nicht wirklich greifbar, d.h. gut. Einwände?

Herr Jansen winkt aus Paris, ich winke zurück und rufe jetzt nicht irgendwas Französisches, denn das Angeben mit meinen verblassenden, einstmals jedoch exzellenten Französisch-Kenntnissen könnte mir zur Auszeichnung "Roundabout-Peinsack des Monats Juli" verhelfen - eine Trophäe, auf die ich nicht wirklich scharf bin. Wäre ich böse und gemein, würde ich behaupten, dass der Herr Jansen schon gerne hin und wieder begierige Blicke auf solcherlei Trophäen wirft. Gestern hat er aber einfach nur mit Buchstaben geworfen, ganz ohne jeglichen Schlamm dran. Im Namen des Tauschs nimmt er sich der Hamannschen Form an, ersetzt aber den Popsong / die Popband durch Autor und Buchtitel. Nur, und dies wäre mein Haupteinwand: Der Verweis auf "Werke" (der W-Begriff sei dahin oder dorthin gestellt) macht die Titel gewichtiger und die Erwartung auch. Kann mich eine schöne Prosa-Reflexion, eine poésie en prose, die einem Popsong-Titel folgt, nur positiv überraschen, so kollidiert halt der kleine Eintrag mit dem tonnenschweren Referenz-Titel, wird zermalmt. Know what I mean? Außerdem: Der Popsong korrespondiert auch eher mit dem Momenthaften der Texte des Herrn Hamann.
-IJ-


6)
erinnerungen sind nur erinnerungen an erinnerungen, habe ich letztens gelesen, spur verwischt, jetzt kommt herr dr. jacobs hinzu und fügt an, erinnerung sei nur eine reorganisation des selbst, wozu ich fragen möchte, warum "nur". dabei wurde letztens ein erinnerungswunder, ein so genanntes genie im süddeutschen magazin vorgestellt, der sich an ganze tage, ganze gespräche erinnern kann, selbst bei jahrelangem abstand, und sagen musste, dass ihn das nie verwundert hätte, denn das sei angeboren und er hätte es nie anders erlebt. stellte sich die frage, was denn mit der verdrängung sei & ob dieses genie die verdrängung nie braucht, aber psychoanalytiker sind ja clever & sagen: dass auch er einen verdrängungsmechanismus hat & auch braucht, hat er bei aller angeborenen mnemotechnik vermutlich verdrängt. haha.

es sei unbedingt ein verbrechen, schreibt hingegen der text von herrn dr. stahl, doch sein einziges bleibt der comic-indianer, der rauchzeichen setzt und auf der espresso-maschine reitet. ansonsten öffnet auch dieser nachfolgetext eine neue schublade, deren weitere tiefe ich interessant fände. selbiges trifft auch auf herrn dr. jansen zu. allerdings haben herr dr. jacobs und herr dr. schoofs schon das nötigste vermerkt. (beiseite gesprochen: ich mag diese bewußte distanzierung, die immer mit einem lahmen auge zu zwinkern versucht, eigentlich nicht ("herr doktor").

was dann geschah: lied 11.
COME, COME NUCLEAR BOMB.
die lichter sind egal, die farben sind egal, die wahrheit auch. in den zeiten der hölle bestand noch konkrete hoffnung auf den alles zunichte machenden atomkrieg. eine ausgeschnittene postkarte erinnerte uns daran, sie klebte uns an den fingern, als wir, claudia & ich, eines sonnenkranken tages eine fahrt aufs land machten: unter einquadrierten bäumen, auf zerschneisenden, kristianisierten straßen. man konnte wahllos einen fotoapparat in die gegend halten, perspektive eines insekts, durch bearbeitung ruiniertes terrain: panzer passten merkwürdigerweise immer ins bild. später saßen wir in einem hörsaal und schauten uns den tag als 8mm-film an. traditionsbewusst schrieben wir mit und kopierten unsere vollgeklecksten pullover. auch nausikaa erhielt eine durchschrift: "das mit der weltrevolution, meine kommunistische freundin, können wir doch vergessen. der rote knopf." jetzt klebe ich eine marke & gehe mit claudia. ratschläge & federball sind halt nicht alles.
morrissey, everyday is like sunday
-RH-


7)
die verbalen Anfeindungen des Monseigneurs Jacobs - so beachtlich und bilderreich sie in ihrer rhetorischen Heftigkeit daher kommen - vermögen mich ob ihrer ziemlich schüchtern sich dahinter lümmelnden Kritik nicht im geringsten zu beeindrucken. Zwei geradezu mikrokoskopische Einwände mache ich nach der Schlamm behafteten Einleitung aus: Erstens, ich hätte mich "im Namen des Tauschs [...] der Hamannschen Form" angenommen (d.h. sie plagiiert)... Dass nun aber der Monseigneur Hamann ureigenster Schöpfer des Prosapoems zu nennen wäre, - das kann ich bei aller verehrenden Wertschätzung nicht finden. Dieser Einwand hätte mich - ich gebe es freimütig zu - nachdenklich gestimmt, wäre er von Msgnr. Hamann selbst geäußert worden, nicht jedoch, wenn er vom in einer Person bestehenden Zentralkomitee der monatlichen Peinsack-Preisvergabe lanciert wird. Was nun zweitens den so gescholtenen "Haupteinwand" betrifft, liegt der Reiz meines Versuches gerade in dem von Msgnr. Jacobs verurteilten Kontrast zwischen Miniatur-Form und tonnenschwerem Referenztitel. Wer verfügt schon - außer vielleicht dem die Ausnahme bestätigenden, von Msgnr. Hamann zitierten Mnemotechniker - über ein hinreichendes Gedächtnis, welches kräftig genug ausgebildet wäre, im nachhinein den tonnenschweren Referenzen eines dickschwartigen WERKES gerecht zu werden? Ich für meinen Teil erinnere auch beim dicksten Roman meist ein paar wie die viel zitierte Axt ins gefrorene Meer einschlagende Sätze, und unter dem Strich verbleibt ein bestimmtes Gefühl, eine Stimmung die der konsumierte Lettern-Schinken bei mir hinterlassen hat und wie ein Popsong oder ein Haiku sie gleichermaßen heftig hinterlassen können. Wie hängen diese Axt-Sätze / Gefühle / Stimmungen... mit meinem täglichen Leben zusammen? Wie beeinflussen sie, in die Zukunft gerichtet, mein weiteres Leben? Und welchen Anteil haben Erfahrungen, die ich vor der Lektüre gemacht habe, darauf? Das sind mich interessierende Fragen. Warum außerdem der W-Begriff (und er sei eben NICHT dahin oder dorthin gestellt; er ist vielmehr zu definieren, wenn man ihn als Kanone in die vorderste Schlachtreihe schiebt!) auf Romane, nicht aber auf Pop-Songs zutreffend sei (welch kleinkarierter Werk-Begriff!) - das müsste Msgnr. Jacobs erst einmal belegen.
-CJ-


(c) the roundabout and its authors 2002







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