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Klaus Schikowski
2 Comic-Rezensionen:
"Shenzen" von Guy Delisle und "Blue" von Kiriko Nananan



 

Klaus Schikowski

2 COMIC-REZENSIONEN: "Shenzen" von Guy Delisle und "Blue" von Kiriko Nananan

LOST IN TRANSLATION. DER AUTOBIOGRAPHISCHE REISEBERICHT "SHENZHEN" VON GUY DELISLE

In den letzten Jahren prägte sich im Comic mehr und mehr die Tendenz zum autobiographischem Comic aus. Insbesondere die Erfolge der Graphic Novels "Persepolis" (editionmoderne.de) von Marjane Satrapi oder Craig Thompsons "Blankets" (topshelfcomix.com) sind für ein neues Selbstverständnis eines anspruchsvollen Comic von enormer Wichtigkeit. Nun kommt es auch innerhalb dieses Genres zu ersten Differenzierungen. Denn Reprodukt legt mit Shenzen eine außergewöhnliche Reise-Autobiographie vor.

Wer schon einmal in ein Land gereist ist, in dem er die Sprache nicht verstanden hat und die Schriftzeichen nicht lesen konnte, kennt das Gefühl der Hilflosigkeit und des Fremdseins. Dieses Gefühl hat der Zeichner Guy Delisle auf das Vortrefflichste in dem Band "Shenzhen" eingefangen.

Shenzhen, unweit von Hongkong gelegen, ist eine Sonderwirtschaftszone, die innerhalb von 26 Jahren von 30.000 auf 3,9 Mio. Einwohner angewachsen ist. Dorthin kommt der Zeichner, um für zwei Jahre die Leitung eines Zeichentrickstudios zu übernehmen. Doch vor Ort werden ihm die beinahe unüberwindbaren kulturellen Unterschiede bewusst. Durch diese isoliert, bekämpft der Protagonist seine Einsamkeit und die einsetzende Langeweile mit Besuchen in Fitnessstudios oder scheitert bei Unternehmungen wie einer Fahrradtour aus der Stadt heraus. Der 1966 in Québec geborene Comic- und Animationszeichner Guy Delisle hat mit seinem Reisetagebuch tatsächlich einen der Höhepunkte des wirklich nicht armen Comic-Sommers 2006 geschaffen. "Shenzen" ist witzig, tragisch, anrührend und ernst zugleich. Doch am großartigsten wird der Band dann, wenn der Autor versucht, die unendlich langweiligen und gleichförmigen Tage seiner Einsamkeit in dieser fremden Kultur zu beschreiben. Wenn es ihm gelingt, die Zeit zu dehnen und gleichzeitig diese Kultur zu hinterfragen. Dabei passt sein ökonomischer Zeichenstil aufs Wunderbarste zu seinem anekdotischen und beinahe lakonischen Erzählstil, in dem er das Alltägliche dieser fremden Welt beschreibt: den Zahnarztbesuch, den täglichen Kampf bei der Essensbestellung, die scheiternde Kommunikation, der Arbeitsalltag im fernöstlichen Trickfilmstudio. Durch den Aspekt des Beobachtens bezieht die fremde Kultur in dem Band eine ganz eigene und besondere Faszination. Dass das Ganze nicht zu einer Aneinanderreihung und Vorführung der fremden Gesellschaft gerät, ist dem charmanten Erzählstil zu verdanken, der geprägt ist durch den Einfluss der französischen Künstlergruppe "L'Association" (siehe fr.wikipedia.org), wo der Band im Original auch erschienen ist.

Und wenn der Zeichner gar an einer Stelle durch die Straßen geht und sich selbst als Tim mit Struppi in China stilisiert, dann verweist er sogar auf die frankobelgische Tradition der Abenteuer in exotischen Ländern. Dann funktioniert dieser Band sogar noch auf einer Metaebene. Wie er auch seine eigene Entstehung reflektiert, allerdings so unprätentiös und unaufdringlich, dass es diesem charmanten und sympathischen Leseerlebnis zwar noch weitere Lesarten eröffnet, die aber dem Leser nicht aufgezwungen werden.

Ein Buch für den Müßiggang, intelligent, humorvoll und voll von exotischen Begebenheiten. Ein weiterer Beweis, dass der frankobelgische Comic nicht tot ist, sondern nur seine Grenzen erweitert hat. Ein Band, an dem sich autobiografische Reiseerlebnisse im Comic in Zukunft messen lassen müssen.

Shenzhen (fr, 2000); Text und Zeichnungen: Guy Delisle; SC-Album im Kleinformat; 152 Seiten, schwarz-weiss; € 18,- ; Reprodukt.

 

"BLUE" VON KIRIKO NANANAN

Für die Nichtkundigen hallt es wie leeres Geschrei von den Dächern: Der Comic ist tot, die Jugend liest Manga. Am besten noch so werkgetreu wie möglich. Von hinten nach vorne und von rechts nach links. Dabei ist der Begriff Manga doch nur eine Metakategorie für eine Vielzahl von Genres. Dass hier in Deutschland zunächst einmal nur eine geringe Anzahl dieser Genres veröffentlicht wird, dürfte damit jedem klar sein. Die Frage ist nur, wann sich die Verlage an die anspruchsvolleren Formen heranwagen? Nun erscheinen die ersten zaghaften Versuche in dieser Richtung. Sozusagen die Graphic Novels unter den Manga. Huch, da fließt zusammen, was zum Comic gehört.

Der in Japan lebende Franzose Frédéric Boilet, kreierte eine Bewegung welche sich Nouvelle Manga nennt. Dazu hat er eigens ein äußerst interessantes und lesenswertes Manifest (bei boilet.net) geschrieben. Boilet trennt zwischen Mainstream und Autorencomic, wobei er sowohl in Frankreich, USA und Japan die selben Tendenzen sieht. Der Autorencomic grenzt sich vom Mainstream insofern ab, als dass er keine Stereotypen und nicht die immer gleichen nostalgischen Referenzen benutzt. Im Autorencomic geht es um die Vermittlung von anderen, erwachseneren Inhalten und Erzählformen des Comic/Manga/BD.

Die Zeichnerin Kiriko Nananan (Jahrgang 1972) passt wunderbar in dieses Konzept, denn sie macht Josei-Manga. Josei ist für junge erwachsene Frauen gedacht, zumeist von Frauen gezeichnet. Demnach behandelt auch "Blue" vordergründig die Geschichte zweier Mädchen, die sich im letzten Schuljahr näher kommen. Es ist die Zeit der Orientierung nicht nur in Hinsicht auf einen beruflichen Werdegang, sondern auch in sexueller Hinsicht. Es geht um die Unsicherheit von Gefühlen. Und es geht noch um viel mehr in diesem Band. Es ist ein Roman über die Wahl zwischen Tradition und Freiheit. Nananan zeigt äußerst behutsam die Gefühle der beiden Protagonistinnen und ganz sachte deckt sie die Dinge hinter der Oberfläche auf. So entsteht ein beinahe intimes Porträt der einzelnen Figuren und zugleich ein Bild der adoleszenten, modernen japanischen Gesellschaft.

Die Zeichnungen dazu sind stilistisch hochgradig ästhetisch. Nananan benutzt sehr klare Linien und kontrastreiche Kompositionen. Durch die Reduzierung auf die handelnden Figuren und den weitestgehenden Verzicht auf Hintergründe entsteht eine geradezu leise Erzählung. Nananan schafft es eindringlich die Leere zwischen den Personen darzustellen, eine Leere, die sich nicht mit Worten beschreiben lässt.
"Blue" ist ein ganz und gar außergewöhnlicher Manga. Er ist grafisch von hoher Intensität und erzählerisch von geradezu minimalistischer Strenge. Mit diesem Band hat das Unterlabel Shodoku von Schreiber&Leser ein kleines Juwel im Programm.

Doch das wird nicht der einzige Versuch bleiben, den etwas anderen Manga in Deutschland zu etablieren. Der Autorencomic lebt und blüht auf. Auch aus Japan werden noch einige Preziosen der grafischen Erzählung auf die deutschen Leser zukommen. Versprochen!

Blue (jap, 1997); Text und Zeichnungen: Kiriko Nananan; ; 240 Seiten, Paperback, s/w; € 14,95 ; Verlag Schreiber und Leser. Auf der Verlagsseite befindet sich auch eine Leseprobe

 

 

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