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SCHWARZER TAG

Tom besieht sich im Spiegel: Die Augen sind rotunterlaufen; fünf schlaflose Nächte in Folge. Seine zitternden Hände drehen den Wasserhahn auf, klatschen ihm kaltes Wasser ins Gesicht. Hunger bekundet sein Magen. Toms Schritte führen aus dem Haus, auf die Straße. Die hell scheinende Sonne blendet ihn. Er drängelt sich an mehreren Passanten vorbei, hat ein billiges Café im Visier. Eine junge Frau, vielleicht zehn Meter vor ihm verwandelt sich in eine riesige Spinne. Ihm bleibt der Mund offen stehen: Er will schreien - doch kein Laut kommt über seine Lippen. Er setzt sich auf den Bordstein, reibt sich die Augen. Die Frau, besser: die Spinne, ist seinem Blick entschwunden. Tom bebt am ganzen Körper. Kalter Schweiß rinnt ihm über den Nacken. Ein älterer Herr drückt ihm eine Mark in die Hand. Wirkt er tatsächlich so erbärmlich? Der Anblick der bizarren Transformation der Passantin hat seinen Hunger schlagartig vertrieben. Mühsam erhebt er sich. Links neben ihm, rechts neben ihm verwandeln sich Menschen in gewaltige schwarze Spinnen. Tom rennt. Taumelt. Stürzt. Rappelt sich wieder auf. Endlich wieder in den eigenen vier Wänden. Er kramt im Pillenschrank. Valium. Ausgepumpt lässt er sich auf seine Matratze fallen. Sein Puls schlägt etwas langsamer. Tom greift nach dem Telefonhörer, wählt die Nummer des Notrufs. Er schildert, was er eben mit eigenen Augen gesehen hat. Sie wollen seinen Namen und seine Adresse haben. Was tut das zur Sache? Er legt auf. Zumindest weiß man jetzt Bescheid. Regungslos verharrt er mehrere Stunden auf seiner Matratze, den Rücken an die Wand gelehnt. Aber er kann nicht ewig hier drinnen bleiben. Der Kühlschrank ist leer. Nicht mal mehr eine Bierdose ist da. Draußen, vor seinem Fenster, hat die Nacht begonnen. Unter der Matratze liegt der alte russische Armeerevoler. Den lädt er. Steckt ihn vorne in seinen Hosenbund. 500 Meter von seiner Wohnung gibt es eine Tankstelle. Da kann er kriegen, was er braucht. Die Strassen sind leer. Aber sie können überall lauern. Hinter jedem Eck. Tom setzt seine Schritte vorsichtig. Er hat Angst. Das blaue Licht der Tankstelle gerät in seinen Blickwinkel. Er beschleunigt seinen Gang. Betritt den Geschäftsraum. An der Kasse erhebt sich mächtig eine schwarze Spinne. Zwei weitere stehen an den Regalen. Riesige Viecher. Nein brüllt er. Zieht den Revolver. Legt an. Zielt. Drückt ab. Die Spinne an der Kasse sackt zusammen. Gleich darauf fallen die beiden anderen getroffen auf den Boden. Tom starrt. Spürt ein Kribbeln in seinem linken Bein. Er schaut an sich herab. Das Bein beginnt seine Form zu verändern. Wird dünn. Schwarz. Bevor die Verwandlung völlig vollzogen ist, schießt er auf das Bein. Schreit. Knickt weg. Stürzt in ein Regal. Kracht auf den Boden. Die Waffe fällt ihm aus der Hand. Er liegt in einer roten Lache. Pulsierend und warm fließt das Blut aus der Wunde. Die Tür geht auf. Eine Spinne steht im Rahmen. Tom versucht den Revolver zu greifen. Aber der liegt zu weit entfernt. Die Spinne schaut sich um. Blickt ihn kurz an. Jetzt ist alles vorbei. Aber die Spinne eilt weg. Was für ein Glück. Er robbt zu dem gläsernen Kühlschrank mit den Bierdosen. Ein angenehmer kalter Hauch streift ihn, als er den Kühlschrank öffnet, sich eine Dose nimmt. Die Hälfte der Dose trinkt er in einem Zug aus. Eine der drei getroffenen Spinnen scheint noch zu leben. Sie zuckt am Boden. Tom kriecht zum Revolver. Feuchte Finger umfassen den Kolben. Treffer. Keine Bewegung mehr. Er nestelt nach seinen Zigaretten. Inhaliert den Rauch tief. Ist völlig erschöpft, spürt, dass seine Lider zufallen wollen. In der Ferne klingen Sirenentöne. Martinshörner. Gott sei Dank! Sie werden den Rest der Bande fertigmachen. Ihn hier finden. Und alles wird wieder in Ordnung kommen. So einen Tag wie heute möchte er nie wieder erleben müssen. Schlaf bemächtigt sich seiner.

 

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