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Corinne Schneider
Und das Subjekt existiert doch -
Ein Claude-Simon-Abend


 

Corinne Schneider

UND DAS SUBJEKT EXISTIERT DOCH
CLAUDE SIMON UND SEIN EINFLUß AUF DEUTSCHE AUTOREN

Ein Abend mit Ilma Rakusa, Marcel Beyer und Thomas Lehr im Kölner Institut Français, moderiert von Thomas Steinfeld

Während einer Sommerreise durch die Vereinigten Staaten besuchte Thomas Steinfeld, bis Juli 2001 Journalist für das Literaturressort der FAZ, nun der Süddeutschen Zeitung, den amerikanischen Autoren Stewart O' Nan. In dessen Garage standen ein Convertible 44o und ein Spider. Thomas Steinfeld folgte dem Schriftsteller in sein Haus, sich sicher wähnend, mit ihm über Reifen oder Nockenwellen, jedoch niemals über Literatur sprechen zu können. Im Haus befanden sich etwa 300 bis 400 Bücher, überwiegend Bücher des Nouveau Roman. An jenem Abend entspann sich hier eine tiefgreifende, rege Unterhaltung über den Nouveau Roman. Die gängige Meinung über den Nouveau Roman sei, das er mit einer strengen Form unvereinbar sei; das Bild des Nouveau Roman sei selbstreflexiv.
Claude Simon ist der unbekannteste unter den bekannten französischen Autoren, trotz seines Nobelpreises 1985. Seine Kritiker fangen jedesmal an, ihn neu zu entdecken. In Deutschland wurde er erst spät übersetzt. Claude Simon sitzt an der Stelle, an der einst der historische Roman war. Er steht im emphatischen Sinne für französische Geschichte. Daß Literatur wieder schwieriger wird, ist ihm maßgeblich mitzuverdanken. "Nach dem Holocaust weiter erzählen ist nicht mehr möglich." so sein Credo.
Alle drei Autoren lasen aus ihren eigenen Werken (s. u.). Aus Tausenden von publizierten Seiten Claude Simons wählten zwei Autoren den Schluß der "Akazie" heraus, ohne von dem jeweils anderen zu wissen. Ilma Rakusa hat es versucht, seine mitunter seitenlangen Sätze zu übersetzen. Claude Simon , das ist für sie das pure Partizip Präsens Aktiv. Sie schätzt an ihm seine syntaktisch schwebenden Bezüge. Für sie ist er wie ein Maler oder Zeichner, was sich schon im Satzspiegel seiner Texte niederschlägt. Lesen solle man ihn wie ein Mandala. In ihrer Lyrik "Gehen" verarbeitet sie den Rhythmus von Sprache, sie streichelt keine Oberflächen, sie verortet Takte aus der Tiefe.
Thomas Lehr möchte zunächst solide schreiben, bevor er später zum Freistil übergeht. Wochenlang hat er eine Szene verfaßt, die er dann in ähnlicher Weise Jahrzehnte früher formuliert bei Simon vorfand. Seitdem steht Claude Simon für ihn im Pantheon. Er ist fasziniert von Simons stilistischen Fähigkeiten, von seinen grandios gestalteten Oberflächen. Thomas Lehr blendet in seiner Lesung einen Ausschnitt aus "Die Erhörung", vor und zurück. Bei ihm steht das Erzählte im Vordergrund.
Ganz anders als bei Marcel Beyer. Er interessiert sich seit Mitte der 80er Jahre für Claude Simon. Wichtig wurde er für seine Arbeit Anfang der 90er Jahre. Für ihn geht es bei Claude Simon um Geschichte, jedoch ohne einen historischen Roman zu schreiben. Dort werden keine Einzelschicksale illustriert. Was denn der Kern von Simons Konstrukten sei? Für Beyer ist es dessen Technik der Aussparung. Beyer, der auch einen Ausschnitt aus "Die Akazie" ausgesucht hat, taucht in seiner Lesung aus "Spione" tief hinab in die Bedeutungsschichten. Er streift auch einen Baum, den ein Ehepaar aus dem Fenster nachts betrachtet, aber dieser Baum erinnert den Mann an seine frühere Partnerin. Seine Frau weiß darum und immer wieder steht dort dieser Baum. Verflechtungen von unsprechlichen Ebenen pur.
Alle Autoren sind sich einig, das bei Claude Simon eine Verbindung zwischen dessen langen Sätzen und dem Tod besteht. Sie begrüßen, das er allen Subjektvernichtern entgegenschmettert: "Ätsch, das Subjekt existiert doch." "Tief dringe er ein in die Poren der Zeit, denn," so Marcel Beyer, "es müsse ja jemanden geben, der wahrnimmt, jemanden, der Zeiten rafft."


Claude Simon: "Die Akazie", Suhrkamp Verlag, 1998, gebunden

Ilma Rakusa: "Gehen" in: "Steppe", 1997, edition Suhrkamp
Thomas Lehr: " Die Erhörung", Aufbau Verlag, 1995, geb.
Marcel Bayer: "Spione", DuMont Verlag, 2000, geb.

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