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Der menschliche Kosmos

Philipp Grabinski
Zuflucht
(Joris K. Huysmans)

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Philipp Grabinski

ZUFLUCHT von Joris K. Huysmans

Welcher Großstädter hat es nicht: Das Gefühl, manchmal raus zu müssen aus dem Moloch, seine Miasmen hinter sich lassen, Staub Dreck Streß auch. Wir setzen uns in den Zug, haben die Vorstellung der ländlichen Idylle ganz oben im Gepäck verstaut. Die Seele meint gerade etwas baumeln zu dürfen, da kommen wir an, und schon kurze Zeit später verliert die Vorstellung der Idylle ihren romantischen Nimbus. Wir begegnen den ersten Landbewohnern, da beginnt bereits das Gift der urbanen Arroganz zu wirken. Doch nicht selten trifft diese Arroganz auf einen ländlichen Dünkel, dem man als Großstadtmensch hilflos ausgeliefert ist.

Wir befinden uns im Jahre 1885, und Huysmans' Alter ego Jacques Marles flieht aus Paris vor seinen Gläubigern aufs Land. Mit dabei ist seine kränkliche Frau Louise, und beide erhoffen sich Erholung und Frieden in dieser Zuflucht. Sie wohnen in einem zerfallenen Schloß, das Louise' Onkel verwaltet. Es vergeht kein Tag und Marles muß niedergeschmettert erkennen, daß sich seine Vorstellung vom Idyll als lähmende Leere entpuppt. Die Landschaft präsentiert sich ihm sommerlich ausgedörrt und feindlich, die stumpfe Landbevölkerung mit ihrer breiten Aussprache stößt ihn ab. Die Gastfreundschaft des Onkels und Herzlichkeit der Tante sind nur Fassade, die schnell bröckelt, als die beiden merken, daß nicht viel bei Jacques und Louise zu holen ist, selbst durch kleine Betrügereien. Jacques Tage gehen in Langeweile und Nichtstun dahin. Louise' Siechtum entfremdet sie ihm immer mehr. Sein einziger Hoffnungsschimmer ist ein Geldbrief aus Paris, der lange auf sich warten lässt.

Jacques streift, hin und her gerissen zwischen Neugier und Lustlosigkeit, durch das verfallene Schloß. Alles ist faulig und feucht, aufgedunsen oder abgeblättert, klamm und porös. Der Verfall des Schlosses ist Sinnbild für Jacques geistigen Verfall, dem er sich immer weniger entziehen kann. Die Ödnis seiner ganzen Umgebung legt ihn lahm, selbst seinen geliebten Baudelaire muß er wieder zur Seite legen. Jacques Geist nimmt schließlich Zuflucht in wahnwitzigen Träumen, deren Beschreibungen sowohl den Surrealismus wie auch Freuds Traumdeutung vorwegnehmen. "Mit einer Hellsichtigkeit sondergleichen hat Huysmans die Mehrzahl der Gesetze formuliert, die das moderne Gefühlsleben bestimmen werden, und hat sich in En rade zu den Gipfeln der Inspiration aufgeschwungen." begeisterte sich André Breton zu recht.

Schließlich trifft doch noch der lang erwartete Geldbrief ein. Marles zahlt unverzüglich seine gierigen Gastgeber aus und kann es kaum erwarten, zum Bahnhof gebracht zu werden. Gegenseitig darf noch etwas Herzlichkeit geheuchelt werden, und wir dürfen mit Jacques und Louise zu Recht aufatmen. Paris wartet.

"Zuflucht" ist ein eher unbekanntes Werk von Huysmans, und es kommt natürlich kaum an "Gegen den Strich" und "Tief unten" heran. Ich würde es ein Kleinod in Huysmans Schatzkästlein nennen, ein sehr persönliches Buch. Wie man dem Nachwort entnehmen kann, hat es diese Begebenheit wirklich in Huysmans Leben gegeben. Was für eine Leistung, aus einer zermürbenden Landpartie ein solches Buch hervorzubringen.

"Zuflucht" ("En rade") von Joris K. Huysmans
Manholt Verlag, 1998

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